Nachhaltigkeit im Unterricht
Der Blog für BNE in der Schule

Das Entwicklungsziel 5 „Geschlechtergleichheit“ im Lateinunterricht: Iphis und Ianthe (Ov. met. 9, 666-797)

Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) ist ein fächerübergreifendes Querschnittsthema, das auch im Lateinunterricht behandelt werden kann und soll. Im altsprachlichen Unterricht bietet vor allem die soziale Komponente der Nachhaltigkeit immer wieder Anknüpfungspotential im Sinne des existenziellen Transfers und des Übertrags eines Themas auf die Lebenswelt der Lernenden.

Hierzu gehören auch die Themen Geschlecht und Sexualität, die medial omnipräsent und vor allem für Jugendliche in der Pubertät zentral sind. Folgender Beitrag zeigt, wie sie in der Lektürephase des Lateinunterrichts sinnvoll aufgegriffen werden können

Wenn man an die griechisch-römische Antike und ihre Vorstellungen zu Geschlecht denkt, fallen einem in erster Linie Schlagworte wie die patriarchalen Strukturen der Gesellschaft (gekennzeichnet allein durch die herausragende Stellung des pater familias) der Ausschluss von Frauen aus der Politik und dem übrigen öffentlichen Leben und vielleicht auch die sexuelle Ausbeutung von Sklavinnen und Sklaven ein. Wie passt hier das SDG 5 „Geschlechtergleichheit“ hinein, von der in der Antike nun gerade nicht auszugehen ist? An der Iphis-Episode aus Ovids Metamorphosen kann gezeigt werden, dass geschlechtliche Normen auch in der Antike bzw. zumindest in Literatur und Mythos bisweilen nicht so strikt gedacht wurden.

Der Mythos der Iphis in Ovids Metamorphosen

Auf der Insel Kreta erwartet Telethusa, die Frau des Ligdus, ein weiteres Kind. Aufgrund der wirtschaftlich schlechten Lage der Familie befiehlt der Vater der Mutter, das Kind zu töten, sollte es weiblich sein. Diese kommt der Forderung aber nicht nach und gibt die Tochter mithilfe der Göttin Isis als Jungen aus. Die Täuschung durch Kleidung und Erziehung geht so lange gut, bis sich Iphis und das Mädchen Ianthe im heiratsfähigen Alter verlieben und schließlich verlobt werden.

Dies sorgt für Gewissenskonflikte und eine Identitätskrise bei Iphis, denn sie weiß, dass nur heterosexuelle Beziehungen gesellschaftlich akzeptiert sind. Zudem hält sie weibliche gleichgeschlechtliche Liebe biologisch für unmöglich. Um eine Beziehung zu Ianthe dennoch aufrechterhalten zu können, ist eine Verwandlung in einen Mann nötig. Hierfür beten sie und ihre Mutter erneut zur Göttin Isis, die die Verwandlung herbeiführt und dadurch eine Hochzeit der beiden ermöglicht.

Tradierung oder Aufbrechen gesellschaftlicher Geschlechtsvorstellungen in der Literatur?

In der Unterrichtseinheit zu Geschlechtergleichheit im Lateinunterricht kann Literatur und besonders der Mythos als Reflexionsraum für gesellschaftliche Konventionen und Vorstellungen in Bezug auf Geschlechterrollen und Sexualmoral verhandelt werden. Zentral ist die Frage, wie sich gesellschaftliche Konzepte zu geschlechtsrollentypischem Verhalten aus dem Diskurs der Entstehungszeit in einem Text wiederfinden und wie ggf. mit diesen gebrochen wird.

Folgende Punkte aus der Iphis-Episode können zur Thematisierung von Brüchen mit stereotypen Vorstellungen in Bezug auf Geschlecht in der Antike angesprochen werden:

  1. Das androgyne Äußere der Iphis
    … das die Täuschung der Mutter, das mit biologischem Geschlecht weiblich geborene Kind als Jungen auszugeben, erleichtert (vgl. V. 712-713: cultus erat pueri; facies, quam sive puellae / sive dares puero, fuerat formosus uterque).
  2. Cross-Dressing
    … welches durch die Mutter induziert wurde und das die Komponente der Sozialisation und Erziehung als Junge verdeutlicht, aufgrund derer Iphis nach außen hin das soziale Geschlecht des Männlichen zugeschrieben wird.
  3. Gleichgeschlechtliche Liebe unter Frauen
    … wird zwar im Text einerseits als biologisch unmöglich und widernatürlich dargestellt (vgl. V. 758: at non vult natura), allerdings eingebettet in einen inneren Monolog der Protagonistin, die sich als weiblich identifiziert (vgl. feminine Endungen der Adjektive, Pronomina und Partizipien in der Figurenperspektive) und sich in eine weibliche Person verliebt. Dies bestätigt empirisch das Vorkommen dieser Art von Zuneigung (vgl. V. 725: ardetque in virgine virgo).
  4. Transidentität
    … im Spannungsverhältnis der Geschlechtsdysphorie der Iphis. Sie merkt, dass ihre körperlichen Merkmale als Frau nicht mit der diesem Geschlecht gesellschaftlich zugeschriebenen sexuellen Orientierung, nämlich dem Lieben und Begehren von Männern, zusammenpasst. Hinterfragt werden muss ihr Wunsch nach Geschlechtstransgression vor dem Hintergrund des Auslebens der Beziehung zu Ianthe als Ziel und ob ohne die normativen Vorstellungen zu sexuellen Praktiken zwischen den Geschlechtern überhaupt eine „Verwandlung“ notwendig wäre.
  5. Das Verhalten des Vaters
    … der zwar rollenkonform seine patria potestas ausübt, wenn er die Kindstötung anordnet (vgl. V. 678-690), den Namen (der geschlechtsneutral ist!) patrilinear vererbt (vgl. V. 708-709) und die Verlobung beschließt (vgl. V. 715), gleichzeitig aber eine emotionale Seite zeigt, wenn er im Gespräch mit der Mutter über die Tötung einer etwaigen Tochter weint (vgl. V. 680).
  6. Das Verhalten der Mutter
    … die für antike Verhältnisse viel agency zeigt, indem sie die Handlung vorantreibt und durch ihre Gebete an Isis die daraus resultierenden Konsequenzen bestimmt. Zudem widersetzt sie sich der Anordnung ihres Ehemannes, dem sie im hierarchischen Geschlechtsverhältnis der griechisch-römischen Antike und aufgrund des Wertes der pietas eigentlich unterstellt ist.

Literaturtipps

Hier sind noch einige Literaturtipps, falls ihr euch zur Textstelle noch genauer einlesen und weitere Tipps für die Umsetzung im Unterricht wollt:

  • Friedrich, Anne (2019): „Hurra – Es ist ein Junge“ – Zur Metamorphose der Iphis bei Ovid, in: AU 1/2019, S. 26-33.
  • Lämmle, R. (2005): Die Natur Optimieren: Der Geschlechtswandel der Iphis in Ovids Metamorphosen, in: H. Harich-Schwarzbauer/ T. Späth (Hgg.), Gender Studies in Den Altertumswissenschaften: Räume und Geschlechter in der Antike, Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, S. 193–210.
  • Ormand, Kirk (2005): Impossible Lesbians in Ovid’s Met., in: R. Anacona/ E. Greene: Gendered Dynamics in Latin Love Poetry, Baltimore, Johns Hopkins Univ. Press, S. 79-111.

Kostenlos zum Download

Im Folgenden findet ihr Unterrichtsmaterialien zur Behandlung der Textstelle im Lateinunterricht mit einem Fokus auf „Geschlechtergleichheit“ für die Phase der Originallektüre, in der Ovids Metamorphosen je nach Bildungsplan in verschiedenen Jahrgangsstufen vorkommen.

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Über die Autorin

Sarah Weichlein

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