Berufswahl bei Tiktok
Liest man Studien zum Thema, wo sich Jugendliche über ihre Berufswahl informieren, dann stößt man im Wesentlichen auf drei Quellen: Eltern, Schule und soziale Medien, aktuell vor allem Tiktok. Je nach Milieu sind die drei Quellen unterschiedlich stark ausgeprägt, an einem Gymnasium in einem Hamburger Vorort hält sich die Schule deutlich mehr heraus und „vertraut“ den Eltern, die richtigen Entscheidungen zu treffen, an einer Gesamtschule mit einem hohen Standorttyp fallen die Eltern hingegen in vielen Fällen aus, z. B. mangels eigener Erfahrungen, wenig Wissen über berufliche Bildungswege oder weil sie wenig präsent sind, weil sie das Überleben der Familie sichern und organisieren. Zieht sich hier die Schule auf ihre Kernaufgabe der Organisation von Praktika zurück, verbleibt an dieser Gesamtschule Tiktok und an unserem Gymnasium der Plan der Eltern (neben Tiktok). In beiden Fällen gibt es also Bedarf für einen kompetenten Begleiter. Denn:
BNE stellt die Berufsorientierung vor neue Herausforderungen
Der Arbeitsmarkt ist von massiven Veränderungen geprägt, die BNE-Ziele stellen außerdem hohe Anforderungen an Arbeitsplätze, Betriebe und Berufsfelder. Jugendliche suchen in unübersichtlichen Zeiten Orientierung bei Fragen, die sie ganz konkret betreffen werden und die wir im Blick haben müssen:
- Welches Berufsfeld wird vielleicht verschwinden, weil es unvereinbar mit dem Ziel Umweltschutz ist?
- Welche Berufsbilder übersehe ich vielleicht, weil ich in Geschlechterfragen nicht so offen denke, wie ich das immer von mir gedacht habe?
- Welche Arbeitsbedingungen in welchen Berufen oder Betrieben widersprechen den Zielen der Reduzierung von Armut und besserer Gesundheit, weil sie ebenso schlecht bezahlt sind, wie sie krank machen?
- Welche Firma produziert vielleicht Dinge, die die Welt nicht besser machen?
In all diesen Fragen kompetent Ratschläge zu geben, ist keine leichte Aufgabe, aber vielleicht fühlt sie sich leichter an, wenn man sich klar macht, dass Jugendliche nicht immer die einzig richtige Antwort wollen, sondern ein gutes und reflektiertes Gespräch. Oder wie es Professorin Dr. Driesel-Lange so gut erkannt hat – es geht um die wahrgenommene Unterstützung, nicht die reale.
Lehrkräfte müssen begleiten
Nimmt man die Rolle als Begleiter:in ernst, dann kommt jeder einzelnen Lehrkraft eine wichtige Rolle zu. Sie muss allzeit beratungsbereit sein und das nicht nur zu geplanten Terminen, sondern dann, wenn ein Jugendlicher oder eine Jugendliche mit der Frage kommt. Sie müssen dann aber nicht nur die drei großen Wege von Ausbildung, Kolleg und Oberstufe benennen können, sondern sollten auch ein gewisses Verständnis für Karrieremöglichkeiten und passende Berufsbilder haben.
Vielleicht sind Veränderungen notwendig
Das klingt nach einer Mammutaufgabe. Doch diesen Anspruch an uns selbst können wir nur erfüllen, wenn sich auch die Rahmenbedingungen unserer Arbeit weiterentwickeln. Damit Schulen dieser Professionalität nachkommen können, müssen Entscheidungen getroffen werden, schulinterne und vielleicht auch politische:
- (Wie) kann unsere Schule Professionalisierung zeitlich ermöglichen, z. B. durch Fortbildungen?
- Können Jahrgangsteams ein Schritt sein, der organisatorisch möglich, pädagogisch sinnvoll und mit Blick auf den zu betreibenden Aufwand zeitökonomisch ist?
- Muss oder wie kann Beratungskompetenz und Wissen über berufliche Bildungswege stärker in die Lehrkräfteausbildung integriert werden?
Auf die ersten beiden Punkte werden wir in unserem nächsten Beitrag eingehen.

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