Ein kostenloses Studium ist richtig teuer
Es klingt ja alles so romantisch: Schulbesuch und Studium sind grundsätzlich erst einmal kostenlos. Nach erfolgreichem Abschluss eines Studiums wird man dann Lehrkraft, Staatsanwältin oder Arzt. Aber was kostet der Weg dorthin wirklich: Um zu prüfen, ob dieser Weg tatsächlich finanziell vorteilhaft ist, möchte ich die Opportunitätskosten in den Blick nehmen. Das sind Kosten, die man zwar nicht direkt bezahlen muss, die aber die Summe an Geld beschreiben, die man nicht verdient, weil man etwas anderes tut. Wer zum Beispiel studiert oder zur Schule geht, kann keiner geregelten Arbeit nachgehen.
Um die „Kosten” einer verlängerten Schullaufbahn oder eines Studiums auszurechnen, lege ich ein konservatives Ausbildungsgehalt zu Grunde. Eine duale Ausbildung bringt aktuell ca. 900 Euro bis1.000 Euro pro Monat brutto pro Monat ein (je nach Betrieb oder Beruf sind aber auch Löhne von bis zu 1700 Euro möglich). Im Jahr verdient ein Azubi also abgerundet 10.000 Euro, in der gesamten Ausbildung 30.000 Euro.
Der Abiturient bzw. die Abiturientin hat in der gleichen Zeit also bereits Opportunitätskosten von knapp 30.000 Euro. Nach dem Abschluss gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, die sich unterschiedlich auf die Opportunitätskosten auswirken: Er oder sie kann studieren gehen oder auch eine Ausbildung beginnen. Einem Studium, sagen wir mal optimistisch für fünf Jahre, stehen dann fünf Jahre Erwerbstätigkeit unseres Azubis gegenüber. Er oder sie verdient ca. 2.500 bis 3.000 Euro brutto im Monat, also ca. 30.000 Euro pro Jahr, über die fünf Jahre Studium gerechnet summiert sich das auf 150.000 Euro. Hinzu kommen 30.000 Euro „Kosten” des Abiturs. Wer eine Ausbildung macht, hat also konservativ gerechnet (!) 180.000 Euro Lohnvorsprung bzw. wer ein Studium abschließt, hat 180.000 Euro Opportunitätskosten.

Wechselt man nach dem Abitur in eine Ausbildung, verringern sich die Opportunitätskosten der Abiturienten: In den drei Jahren Ausbildung liegen diese in unserem Rechenbeispiel bei 20.000 Euro pro Ausbildungsjahr (Angestellteneinkommen von ca. 30.000 Euro/Jahr abzgl. dem Azubilohn von 10.000 Euro/Jahr), also in drei Jahren 60.000 Euro. Rechnet man die 30.000 Euro Opportunitätskosten für das Abitur hinzu, erreicht man mit 90.000 Euro auch eine fast sechsstellige Summe. Wer zudem direkt in die Ausbildung gewechselt ist, ist zudem in den Erfahrungsstufen und Karriereschritten weitergekommen, was sich in der Lebensarbeitszeit positiv auf den Gesamtverdienst auswirken wird.
Wann ein Studium wirklich sinnvoll ist
Unser Uniabsolvent bzw. unsere Uniabsolventin hätte nun ca. 42 Jahre Zeit, diesen Lohnvorsprung aufzuholen, das sind ca. 500 Monate. Er oder sie müsste also 360 Euro pro Monat mehr verdienen und das vom ersten Tag nach dem Abschluss an und wäre dann immer noch nicht im Vorteil. Dauert das Studium länger, verringert sich die Lebenserwerbstätigkeit entsprechend und die Differenz muss höher ausfallen, um „gleichzuziehen”. Das ist natürlich alles machbar, aber wie man sieht, ist der rein finanzielle Vorteil eines Studiums schon an sehr viele Bedingungen geknüpft, wie die Geschwindigkeit des Studiums, Jobaussichten nach dem Studium und eben auch an die Frage, ob man dieses Studium überhaupt beenden wird.
Es gibt viele andere Gründe, weiter die Schule zu besuchen oder zu studieren, nämlich Neigung, Neugierde und auch Spaß – aber den wichtigen Entwicklungszielen 1 und 2 dient beides nur unter sehr speziellen Bedingungen. Im Gegenteil birgt gerade ein Studienabbruch ohne Berufsabschluss und ggf. Schulden ein hohes Armutsrisiko.
Schulen müssen sich ändern, um Armut zu verhindern
Nehmen Schulen die Entwicklungsziele ernst, müssten sie
- früh, intensiv und bedürfnisorientiert berufliche Ideen mit den ihnen Anvertrauten entwickeln.
- Übergänge in die berufliche Praxis begleiten und unterstützen.
- Übergänge in Berufsfelder fördern, die zukunftsfähig sind und anderen BNE-Zielen wenig widersprechen, sowie sich ein entsprechendes Netzwerk an Betrieben aufbauen, um mehr solcher Übergänge schaffen zu können.
- ihre schulische Beratung so ausbauen, dass die Motive hinter dem Studiumswunsch reflektiert werden und auch alternative Bildungswege wie berufsbegleitend studieren oder Studium nach einer Ausbildung platziert werden können.
Anfangen könnt ihr, indem ihr eure Lernenden mit dem anliegenden Arbeitsblatt selbst rechnen lasst.
Steigt vielleicht ein mit einem Satz ein, dass Schulbildung kostenlos ist (sucht am besten den Paragraphen im Schulgesetz Ihres Bundeslandes) oder einer alten Nachricht, dass Studiengebühren abgeschafft worden sind. So kommt ihr vor allem über die Vorteile ins Gespräch.
Wenn ihr etwas mehr Spannung wollen, nutzt zum Beispiel dieses Meme. Dort wird auch das Thema gesetzt, dass man Abschlüsse nicht automatisch durch Einschreibung erwirbt („ich mach erst mal mein Fachabi“), sondern dass man diese bestehen muss und daran auch scheitern kann. Es wird also kontroverser. Mit allen Einstiegen kann die Lehrkraft die Rolle des Skeptikers einnehmen. Stellt kurz das Konzept der Opportunitätskosten vor, sammelt je nach Gruppe vielleicht vorab typische Gehälter für Azubis oder Gesellen oder Gesellinnen und lasst die Lernenden dann erst einmal in Einzelarbeit zwei beispielhafte Bildungswege ausrechnen. Die Gruppe wird bei den ersten Ergebnissen staunen und sich austauschen, das kann man ruhig zulassen. Lasst zum Schluss einige Beispiele präsentieren. Kehrt zum Schluss zurück zum Einstiegsimpuls und lasst den Impuls nun neu bewerten.
Zum Download
Die Beitragsserie zu BNE und Berufsorientierung ist ein Gemeinschaftsprojekt von Isabelle Spieker und Philip Stratmann.

Hinterlasse einen Kommentar