Berufsorientierung entscheidet auch mit darüber, wem bestimmte Wege zugetraut werden – und wem nicht. Genau deshalb lässt sie sich unmittelbar mit einem zentralen Ziel von Bildung für nachhaltige Entwicklung verbinden: dem Entwicklungsziel 10 der Vereinten Nationen, also dem Abbau von Ungleichheiten. Das SDG „Weniger Ungleichheiten“ fordert Bildungseinrichtungen dazu auf, gesellschaftliche Teilhabe zu stärken und strukturelle Benachteiligungen sichtbar zu machen.
Genau hier beginnt auch die Verantwortung von Schule. Bildungswege entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden beeinflusst durch gesellschaftliche Erwartungen, Zuschreibungen und Bilder davon, wer als „passend“, „leistungsstark“ oder „realistisch“ wahrgenommen wird. Migrationshintergrund ist kein Förderschwerpunkt. Trotzdem zeigt sich im schulischen Alltag immer wieder, dass genau diese Kategorie unbewusst mitläuft, wenn Leistungen eingeschätzt oder berufliche Perspektiven besprochen werden. In Beratungsgesprächen werden Möglichkeiten vorsichtiger formuliert oder Ziele schneller relativiert – häufig ohne, dass dies bewusst geschieht.
Bedürfnisorientierte Berufsorientierung braucht eine rassismuskritische Haltung
Wenn Berufsorientierung wirklich bedürfnisorientiert sein soll, dann bedeutet das zwangsläufig, rassismuskritisch und vorurteilsbewusst zu arbeiten. Denn Bedürfnisse werden nicht neutral erkannt, sondern immer auch durch eigene Erfahrungen, gesellschaftliche Bilder und Erwartungen gedeutet. Das zeigt sich besonders deutlich in konkreten Beratungssituationen.
Mohammed erzählt, dass er Fachinformatiker werden möchte. Vielleicht fällt der Blick im Gespräch schneller auf sprachliche Unsicherheiten als auf seine technischen Fähigkeiten. Vielleicht wird vorsichtig angemerkt, dass die Anforderungen „hoch“ seien oder ein anderer Weg besser passen könnte. Aisha wiederum möchte Lehramt studieren. Auch hier können unausgesprochene Fragen entstehen: Wie wird sie mit Kopftuch im Kollegium wahrgenommen? Wird sie „in das System passen“? Solche Gedanken sind nicht zwangsläufig Ausdruck bewusster Ablehnung. Sie zeigen vielmehr, wie stark gesellschaftliche Bilder auch pädagogisches Handeln beeinflussen können.
Gerade deshalb ist es wichtig, sich als Lehrkraft mit den eigenen Deutungsmustern auseinanderzusetzen. Ein ehrlicher Blick ins Lehrer:innenzimmer kann dabei hilfreich sein: Wer ist dort sichtbar – und wer fehlt? Welche Lernenden können wir uns selbstverständlich als zukünftige Kolleg:innen vorstellen und bei welchen fällt uns das schwerer? Lernende bewegen sich zudem nicht in einem diskriminierungsfreien Raum. Namen werden unterschiedlich wahrgenommen, Bewerbungsverfahren verlaufen nicht für alle gleich und äußere Merkmale können Einfluss auf Entscheidungen haben. Eine Schülerin mit Kopftuch kann mit Fragen konfrontiert werden, die nichts mit ihrer Qualifikation zu tun haben. Diese Realität gehört für viele junge Menschen zum Alltag – auch aus meiner Perspektive als afrodeutsche Schulleiterin, die selbst von Diskriminierung betroffen ist und im schulischen Kontext nur selten Kolleg:innen mit ähnlichen Erfahrungen trifft.
Berufsorientierung als Beitrag zu weniger Ungleichheiten
Gerade hier zeigt sich die Bedeutung von Bildung für nachhaltige Entwicklung im Schulalltag: Schüler:innen sollen lernen, gesellschaftliche Strukturen zu erkennen, ohne sich von ihnen begrenzen zu lassen. Bedürfnisorientierte Berufsorientierung bedeutet deshalb, junge Menschen in ihren Interessen und Fähigkeiten ernst zu nehmen, sie zu stärken und ihnen Wege aufzuzeigen, statt Möglichkeiten vorschnell einzugrenzen. Für die Praxis kann das bedeuten, den eigenen ersten Gedanken bei einem Berufswunsch bewusster wahrzunehmen und zu hinterfragen: Würde ich dieselbe Empfehlung auch aussprechen, wenn der Name anders wäre? Relativiere ich bestimmte Ziele schneller als andere? Und begleite ich Lernende wirklich ausgehend von ihren Bedürfnissen – oder eher ausgehend von meinen Erwartungen? Berufsorientierung entscheidet nicht nur über Wege, sondern auch darüber, wer sich Zukunft zutraut. Genau deshalb ist bedürfnisorientierte Berufsorientierung immer auch ein konkreter Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit und zum Nachhaltigkeitsziel „Weniger Ungleichheiten“.
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Die Beitragsserie zu BNE und Berufsorientierung ist ein Gemeinschaftsprojekt von Isabelle Spieker und Philip Stratmann.

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