Nachhaltigkeit im Unterricht
Der Blog für BNE in der Schule

Mit bedürfnisorientierter beruflicher Orientierung mental health fördern

Leistungen messen, Defizite ausgleichen, Konflikte aushalten …
Permanentes Bewerten und strukturelle Belastungen führen oft zu einem defizitorientierten Blick auf Lernende. Vor diesem Hintergrund verstehen wir gut, wenn man an dieser Stelle den Kopf schüttelt: Bedürfnisorientierte berufliche Orientierung – und das am besten noch im Sinne der BNE-Ziele?

Berufliche Orientierung…

 …dort, wo Perspektivlosigkeit Alltag ist

Unsere Erfahrung setzt genau hier an. Wir – Isabelle Spieker, eine Abteilungsleiterin, und Philip Stratmann, ein Koordinator für berufliche Orientierung – haben bedürfnisorientierte berufliche Orientierung an einem Ort begonnen, an dem Perspektivlosigkeit strukturell angelegt ist. Viele Kinder und Jugendliche gelten früh als schwer vermittelbar, als diejenigen, bei denen „es am Ende ohnehin eng wird“. In solchen Schulkontexten ist Schulscheitern kein abstrakter Begriff, sondern Teil des Alltags: Rückzug, Schulabsentismus, innere Kündigung, Konflikte. Gerade hier wurde deutlich, wie eng Schule und Berufswelt miteinander verbunden sind – und wie wenig diese Verbindung im Alltag oft spürbar wird. Es ist zugleich ein Ort, an dem viele junge Lehrkräfte aufgrund des hohen Sozialindex bereits keine Bewerbung in Betracht ziehen.

…als Haltung statt als zusätzliche Maßnahme

Am Anfang ging es uns nicht um ein ausgefeiltes Konzept. Es ging um eine veränderte Haltung. Wir haben uns den Lernenden niederschwellig als Gesprächspartner angeboten und bei nahezu jedem Kontakt über Zukunftspläne, Ideen, Ziele und Träume gesprochen. Nicht mit dem Anspruch, sofort realistische Berufsbilder zu produzieren, sondern mit der klaren Botschaft: Deine Zukunft ist relevant – auch dann, wenn sie noch unscharf oder widersprüchlich ist.

Diese Gespräche flankierten, rahmten und trugen die Standardelemente der Berufsorientierung, etwa der Berufsfahrplan, der an jeder Schule der Sekundarstufe I vorhanden ist und nicht selten als nervig oder pflichtbeladen erlebt wird. Gleichzeitig haben wir Kolleginnen und Kollegen gebeten, in ihren Gesprächen den Zukunftsgedanken stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Und was sollen wir sagen: Es hat funktioniert.

…als Beziehungsarbeit im Schulalltag

Und genau hier setzte die Veränderung ein. Gespräche entstanden zwischen Tür und Angel, und plötzlich wurden auch Orte bedeutsam, die zuvor eher als lästig galten: Gruppenräume, verhasste Vertretungsstunden oder eine Aufsichtsposition am Schultor wurden zu Räumen für soziale Gespräche, für kurze Nachfragen, längere Erzählungen und erste vorsichtige Zukunftsentwürfe. Situationen, die früher in erzieherische Einwirkungen gemündet wären, kippten in Gespräche über Zukunftsvisionen, Zukunftsängste und Zukunftspläne. Schule wurde für viele Schülerinnen und Schüler ein Ort, an dem sie sich erstmals als wirksam erleben konnten – nicht nur als bewertete, sondern als ernst genommene Personen.

…als Motor für Motivation und psychische Gesundheit

Gerade im Blick auf Schulscheitern ist das zentral. Denn viele Formen von Schulscheitern beginnen nicht mit schlechten Leistungen, sondern mit dem Gefühl, dass Schule nichts mehr mit dem eigenen Leben zu tun hat. Bedürfnisorientierte berufliche Orientierung setzt genau hier an und berührt damit unmittelbar ein zentrales Ziel der Bildung für nachhaltige Entwicklung: psychische Gesundheit. Schülerinnen und Schüler, die sich gesehen fühlen, deren Sorgen Raum bekommen und deren Zukunft Thema sein darf, erleben Schule weniger als Bedrohung und mehr als Ressource.

…und die Entlastung von Lehrkräften

Diese Haltung wirkt auch auf Lehrkräfte zurück. Im Prozess der bedürfnisorientierten berufliche Orientierung haben sich Schülerinnen und Schüler für uns individualisiert. Sie waren nicht mehr „einer von vielen“, sondern Menschen mit einer Geschichte, mit Brüchen und mit einer offenen Zukunft. Gleichzeitig veränderte sich unsere Rolle: Wir waren nicht mehr ausschließlich bewertende Instanzen, sondern Berater, Zuhörer und Begleiter. Das befriedete vieles, was Schule sonst eskalieren lässt. Gespräche wurden konstruktiver, Konflikte verhandelbarer – auch im Lehrerzimmer veränderte sich der Ton. Weniger Ärger, mehr Sinn, mehr positive Wahrnehmung. Auch das ist ein Beitrag zur Gesundheit von Lehrkräften.

…durch geteilte Erfahrungen mit der Berufswelt

Berufliche Orientierung bedeutet dabei auch, gemeinsame Erfahrungen zu machen: Niederlagen gemeinsam auszuhalten, wenn Bewerbungen abgelehnt werden oder Praktika enttäuschen, und Erfolge zu teilen, wenn Schülerinnen und Schüler gute Erfahrungen machen und ihren Weg finden. Diese geteilten Erfahrungen verbinden Schule und Berufswelt auf eine sehr konkrete Weise – und können verhindern, dass Jugendliche innerlich oder tatsächlich aus Schule aussteigen.

Berufliche Orientierung als Leitgedanke einer gesunden Schule

Unser Fazit ist deshalb kein methodisches, sondern ein haltungsbezogenes: Bedürfnisorientierte berufliche Orientierung verändert Schule, weil sie Beziehungen verändert, Zukunft denkbar macht und damit zur psychischen Gesundheit von Lernenden sowie Lehrkräften beiträgt.

Zum Download

Die Beitragsserie zu BNE und Berufsorientierung ist ein Gemeinschaftsprojekt von Isabelle Spieker und Philip Stratmann.

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Über die Autorin

Isabelle Spieker

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3 Kommentare

  1. Sonja Uhland 19. März 2026 um 19:12 Uhr - Antworten

    Die Ansätze zeigen, dass nachhaltige Bildung über Faktenwissen hinausgeht und vernetztes Denken sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten stärkt. Tragfähige Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden sind eine zentrale Grundlage, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen und verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Ich danke für den Input!

  2. Naomi 21. März 2026 um 13:07 Uhr - Antworten

    Solch einen Blick auf bedürfnisorientierte berufliche Orientierung und psychische Gesundheit innerhalb des Schulsystems wünsche ich mir für jedes Kind auf der Welt. Der Text hat eine tolle Energie. Ich bedanke mich vielmals für diesen ganzheitlichen Blick. Endlich frischer Wind in diesem größtenteils veralteten Schulsystem.

  3. Gabriela Exner 22. März 2026 um 13:34 Uhr - Antworten

    Danke, für diesen spannenden Ansatz. 
    Beziehung ist meines Erachtens die wirkungsvollste Grundlage, für die prozesshafte Begleitung von Menschen. Dabei sollte der erste Schritt das Anerkennen der Lebensrealität der Person sein. So wahrgenommen, wird eine Überlegung zur Zukunft möglich. Im Austausch über unterschiedliche Positionierungen können Handlungsermächtigung gestärkt und Zuversicht geweckt werden. 
    Gern mehr davon!

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