Nachhaltigkeit im Unterricht
Der Blog für BNE in der Schule

BNE vs. Fehl- und Desinformationen: Anregungen zur kritischen Auseinandersetzung in Lernprozessen

Nachhaltigkeit bzw. im Konkreten die Umsetzung der Entwicklungsziele (SDGs) sehen sich in Gesellschaft und Öffentlichkeit immer wieder (un-)bewusst falschen Informationen sowie gefährlichem Halb- und Nichtwissen über Klimakrise, Umweltschutz, Kinder- und Menschenrechte, technologische Entwicklungen etc. ausgesetzt.

Dadurch können wichtige Maßnahmen und Prozesse nachhaltigen Denkens und Handelns sowie sogar globale und regionale Zusammenarbeit erheblich gehemmt werden. Begünstigt werden die Verbreitung und Gläubigkeit solcher Informationen insbesondere durch mangelndes Hinterfragen bei den Adressat:innen.

Von der Fehlinformation zur Vorstellung

Zunächst müssen wir uns klar machen, dass Kinder und Jugendliche durch unterschiedliche Zugänge bereits konkrete Vorstellungen über Umweltschutz, Klimakrise, Nachhaltigkeit etc. mitbringen bzw. parallel zum fachlichen Lernen in der Schule ausbilden. Es wäre also naiv, anzunehmen, dass erst der Unterricht für diese Themenbereiche sensibilisiert und bildet. Würden diese Vorstellungen unberücksichtigt bleiben, würde eine BNE lediglich neues Wissen neben den vorhandenen Vorstellungen erzeugen. Nachhaltiges Lernen setzt aber genau bei den Vorstellungen an, korrigiert und erweitert diese.

Falsch- oder Fehlinformationen können unsere Vorstellungen maßgeblich beeinflussen bzw. formen, wenn keine aktive Auseinandersetzung damit angebahnt wird. Solche Informationen können zunächst durch Missverständnisse und fehlendes Wissen entstehen, ohne das eine konkrete Täuschungsabsicht vorliegt; andere allerdings gehen auf bewusste Manipulation zurück: Fake News und insbesondere Desinformationen bezeichnen nachweislich falsche oder irreführende Inhalte, die gezielt erstellt, veröffentlicht und verbreitet werden, um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen oder die Öffentlichkeit bewusst zu täuschen (Europäische Kommission 2018, Aktionsplan gegen Desinformation). Insbesondere Geschwindigkeit und nahezu uneingeschränkte Möglichkeiten der digitalen Welt verhelfen Produzent:innen solcher Informationen zur schnellen und wirksamen Verbreitung.

Desinformation – verschiedene Perspektiven

Perspektive Produzent:innen

Bei Fake News und Desinformationen ist nach den Produzent:innen und ihrer Intention zu fragen. Hierüber lassen sich oft politische und wirtschaftliche Zielsetzungen ableiten, die Öffentlichkeit bzw. eine bestimmte Personengruppe zu beeinflussen, um beispielsweise Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen, CO2-Vorgaben für die Industrie oder die Abschaffung als umweltschädlich bewerteter Techniken zu umgehen oder gar zu verhindern. Aktuelle Beispiele zu Desinformationen bei Umwelt- und Klimathemen sowie entsprechende Faktenchecks, die diese widerlegen bzw. deren Produzent:innen, Intentionen und Hintergründe aufdecken, finden sich beispielsweise prominent unter folgenden Links:

Perspektive Adressat:innen (Kinder/Jugendliche)

Desinformationen adressieren mittlerweile nicht mehr nur Erwachsene. Längst haben sie Einzug in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen über verschiedene Kanäle der Informationsaufnahme und  -verbreitung gefunden, u. a.

  • Gespräche in der Familie, in Peergroups und Social Media
    • Medienkonsum über Radio und TV sowie digitale Zugänge (Instagram, TikTok, Youtube etc.)

Prominente Beispiele hierfür wären Aussagen, die etwa den klimabezogenen Wert von Elektroautos gegenüber Verbrennern infrage stellen oder Umweltschutz als Luxus bezeichnen. Eine unkritische Übernahme solcher Informationen wird dabei nicht nur von fehlendem Wissen begünstigt. Hier sind weitere Faktoren zu berücksichtigen, die eine Empfänglichkeit für Fehl- und Desinformationen erhöhen können, u. a.

  • Autoritätsgläubigkeit: Umso wichtiger, erfahrener, beliebter oder prominenter Personen gelten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass deren Aussagen schneller geglaubt werden. Ihre Autorität erhöhen sie darüber hinaus oft noch mit Verweisen auf Expertisen und Studien aus der Wissenschaft, wenngleich diese nicht selten pauschalisiert, eigenwillig gedeutet und aus dem Kontext gerissen werden.
  • Digitale Welt: Nahezu unbegrenzte Dauerhaftigkeit, Geschwindigkeit und Breitenwirksamkeit bieten ideale Voraussetzungen zur Informationsverbreitung, die durch das Verhalten von User:innen zusätzlich begünstigt wird (Kommentare, Likes, Weiterleitungen etc. in Social Media).
  • Macht der Bilder: Bilder, die manipuliert oder aus dem Kontext gerissen werden, sowie Möglichkeiten von Greenscreen- und KI-Techniken können Informationen besondere Aufmerksamkeit/Einprägsamkeit verleihen.

Thematisierung in Lernprozessen: Didaktische Hinweise

Sich mit Fehl- und Desinformationen zu BNE-Themen auseinanderzusetzen, kann grundsätzlich in allen Schulformen und Klassenstufen zielführend sein und dazu beitragen, eine kritisch-reflektierte Haltung anzubahnen. Entscheidend sind der Grad der Komplexität von Thematisierung, Fachwissen und Aufgaben sowie die Einbindung der Lebenswelt über individuelle Erfahrungen, Vorstellungen und Möglichkeiten. Abhängig von der jeweiligen Lerngruppe können demnach Desinformationen aus Öffentlichkeit, Nachrichten und Social Media direkt herangezogen und vertieft hinsichtlich Produzent:innen, Intention und Veröffentlichungsmedium analysiert und auf ihren Gehalt hin kritisch überprüft werden, oder zunächst vereinfachte oder von Kindern selbst geäußerte Aussagen, die auf bekannte Fehl- und Desinformationen zurückgehen (z. B. Elektroautos sind genauso schlecht wie Verbrenner, Windkraftanlangen sind schädlich für die Tiere, Umweltschutz ist teuer), bearbeitet werden.

Grundvoraussetzung: BNE-Themen sollten stets auch im Kontext von Unsicherheiten und Ungewissheit sowie Pluralität und Kontroversität gesehen werden: Beispielsweise können wir oft nicht sicher sagen, ob etwa bestimmte Klimaschutzvorhaben und -techniken langfristig wirksam sind bzw. ausreichen. Dadurch verwundert nicht, dass verschiedene Perspektiven (in Form von Vorschlägen, Meinungen, Handlungen, Erfahrungen etc.) darauf existieren können; gerade auch Fehl- und Desinformationen profitieren von diesen Kontexten. Wichtig ist hier, diese mit Fachwissen und sachlichem Urteilen zu prüfen und abzuwägen, inwieweit bestimmte Perspektiven zielführend sein können oder auf falsche Informationen zurückgehen.

Kopiervorlagen für euren Unterricht

Zu empfehlen ist, sich schrittweise mit ausgewählten Fehl- und Desinformationen bzw. den dahinterstehenden Perspektiven auseinanderzusetzen und dabei Raum für sachliches Urteilen und Reflektieren zu ermöglichen: Vermutung (Fragen, Meinungen äußern) – Deutung (Fachwissen und Hintergründe erarbeiten, Zusammenhänge erklären, Aussagengehalt beurteilen) – Reflexion (Aussage bewerten, bei Kontroversität abwägen, eigene Vermutung überdenken). So lassen sich Kinder und Jugendliche gezielt sensibilisieren sowie kritisches Hinterfragen und sachliches Urteilen einüben. Dadurch setzen sie sich intensiv und kritisch mit ihrem Wissen zu BNE-Themen auseinander und diskutieren Chancen und Grenzen von Nachhaltigkeit, was zudem deren Haltung und Resilienz gegenüber Ungewissheit und Unsicherheiten stärken kann.

Literaturtipps

Grundsätzlich zu Desinformation (bei Kindern und Jugendlichen):

Europäische Kommission (2018). Aktionsplan gegen Desinformation. Brüssel, den 5.12.2018.

Must, T. & Otten, M. (2024). Digitale Desinformation als Phänomen im Rahmen einer politischen Medienbildung im Sachunterricht – Ein- und Ausblicke in das Projekt ZuDD. In A. Becher, E. Gläser & N. Kallweit (Hrsg.), Politische Bildung im Sachunterricht. Potenziale – Positionen – Perspektiven (S. 133-141). Bad Heilbrunn: Klinkhardt. Auch als OA-Publikation unter: https://klinkhardt.de/politische-bildung-im-sachunterricht_2652

Rau, F., Must, T. & Otten, M. (Hrsg.) (2024). Dekonstruktion digitaler Desinformationsstrategien. Phänomene des Rechtsextremismus. Themenheft 59/2024.

Beispiele zur Analyse von und Auseinandersetzung mit Perspektiven:

Menger, J., Must, T., Otten, M. & Reimer, M. (2026). Soziale Lernprozesse als integraler Bestandteil sachunterrichtlichen Lernens. Erschließung von Phänomenen unter Berücksichtigung von Vielperspektivität und Lebensweltorientierung. In E. Gläser & F. Schrumpf (Hrsg.), Soziales Lernen in Grundschule und Sachunterricht. Theoretische Grundlagen, empirische Befunde und didaktische Implikationen (S. 136-150). Bad Heilbrunn: Klinkhardt. Auch als OA-Publikation unter: https://klinkhardt.de/soziales-lernen-grundschule-und-sachunterricht_2783

Must, T. (2025). Grenzen des Verstehens und die Bedeutung von Perspektivität für Lernprozesse. Ein Einblick in die Arbeit mit Studierenden an der EUFH zum Sachunterricht. In S. Schumann (Hrsg.), Verstehen zu verstehen (Band V: Gespräche im Sachunterricht; 221-239). Münster/New York: Waxmann. Auch als OA-Publikation unter: https://www.waxmann.com/buecher/verstehen-zu-verstehen

Unterrichtsbeispiele zum Thema für die Primarstufe:

Fachzeitschrift Grundschule Sachunterricht, Themenheft 96 (Zukunft gestalten) / 2022.

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