Nachhaltigkeit im Unterricht
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Nachhaltigkeit im Geschichtsunterricht

Die spürbaren Umweltkrisen der Gegenwart, die Klimaproteste zahlreicher junger Menschen sowie die Diskussion um nachhaltige Lebensstile sollten auch den Geschichtsunterricht herausfordern. Doch Nachhaltigkeitsthemen existierten für den Geschichtsunterricht bisher kaum. Erst vor kurzem wurde ihre Relevanz von der Geschichtsdidaktik erkannt. Dieser Blogbeitrag gibt didaktische Impulse und zeigt Reflexionsebenen auf, die Lehrkräfte im Fach Geschichte benötigen, wenn sie Nachhaltigkeit zum Thema machen wollen.

Es geht im Folgenden weniger um fertige Methoden- und Medienkonzepte, die zur Verfügung gestellt werden. Dieser Beitrag möchte vielmehr innovative und auf Nachhaltigkeit zielende Impulse für die Gestaltung des Geschichtsunterrichts setzen, mit denen kritisches historisches Denken bei Lernenden der oberen Sekundarstufe I gefördert werden kann.

Nachhaltigkeit als Thema im Geschichtsunterricht: 3 Reflexionsebenen

Reflexionsebene 1:

Es stellt sich zunächst die Frage, weshalb sich Lernende im Geschichtsunterricht mit Nachhaltigkeit beschäftigen sollen. Die Antwort ist: Geschichtsunterricht kann wesentlich dazu beitragen, dass man als Mensch die Welt, in der man lebt, verstehen lernt und Zusammenhänge erkennt, über die man vielleicht noch nie nachgedacht hat. Die Geschichtsdidaktik spricht diesbezüglich von „historischer Orientierungskompetenz“. In Bezug auf Nachhaltigkeit geht es also darum, Lernenden klarzumachen, wie sich unsere ressourcenverschlingende Gegenwart überhaupt entwickeln und etablieren konnte. Lernende müssen die Entstehungsprozesse unseres ausbeuterischen Lebensstils kennen, um die vermeintliche Normalität ihres Lebensstils überhaupt infrage stellen zu können: Der Blick in die Geschichte zeigt nämlich, dass unsere nicht-nachhaltige Konsumgesellschaft alles andere als normal ist, sondern sich zum Großteil erst innerhalb der letzten 70 Jahren etablieren konnte.

Reflexionsebene 2:

Mit der eben aufgezeigten Orientierungsperspektive verbindet sich eine zweite Reflexionsebene: Lernende sollten verstehen, dass sie selbst ein Teil des Entstehungsprozesses unserer gegenwärtigen Welt sind. Diesem Ansatz wird im landläufigen Geschichtsunterricht zu wenig Beachtung geschenkt. Wirksamer Geschichtsunterricht versucht immer wieder aufs Neue, jeden einzelnen Lernenden mit dem historischen Thema in Beziehung zu setzen: Erst die Erkenntnis, selbst Teil einer historischen Entwicklung zu sein, lässt die Bereitschaft für das eigene Handeln sinnvoll erscheinen.

Reflexionsebene 3:

Eine dritte Reflexionsebene beschäftigt sich mit der Geschichte der Nachhaltigkeit selbst. Dazu ist ein Blick in die Frühe Neuzeit und die damals in den deutschen Landen ausgerufene „Holznot“ erforderlich. Die Geschichtswissenschaft konnte zeigen, dass sich mit der Geburt der Forstwirtschaft, die sich auf nachhaltigen Waldbau stützte, auch früh-kapitalistische Herrschafts- und Machstrukturen verbunden haben, die es zu diskutieren gilt.

Themenfelder

Welche Themenfelder sollten im Geschichtsunterricht aufgegriffen werden, damit Lernende sich kritisch und reflexiv mit Nachhaltigkeitskonzepten auseinandersetzen können?

Herkunft des Nachhaltigkeitsverständnisses

Zum einen sollte die Herkunft unseres Nachhaltigkeitsverständnisses besprochen werden. Dazu lässt sich Hans Carl von Carlowitz thematisieren, der in seinem Buch „Sylvicultura oeconomia – Anweisung zur wilden Baumzucht“ bereits 1713 auf die Notwendigkeit einer nachhaltig gestalteten Holz- und Forstwirtschaft verwies.
Übrigens entwickelten sich zeitgleich forstwirtschaftliche Nachhaltigkeitskonzepte in der Tokugawazeit in Japan (1603 – 1868): Aufgrund der fast vollständig vernichteten Waldgebiete setzte in Japan ein Umdenken ein, das sich nicht nur auf nachhaltige Waldwirtschaftsformen bezog, sondern auch eine ressourcenschonende Alltagspraxis der Menschen förderte.

Industrialisierung

In einem weiteren Themencluster können sich Lernende mit der Industrialisierung unter energie-transformatorischen Aspekten auseinandersetzen.

Wir haben es bei diesem historischen Entwicklungsgeschehen mit einem in der Geschichte der Menschheit einmaligen Ereignis zu tun: ‚Industrialisierung‘ kann als Wechsel des Energieregimes von der Sonnenenergie und tierisch-menschlicher Muskelkraft hin zu fossiler Energie gedeutet werden. Während dieses Transformationsprozesses wurde kaum nachhaltig gewirtschaftet, da man Mitte des 19. Jahrhunderts davon ausging, dass die zur Verfügung stehenden Ressourcen im Überfluss zur Verfügung stünden.

Im Unterricht sollte deutlich werden, dass Transformationsprozesse wie die Industrialisierung nicht durch plötzlich auftretende und linear verlaufende Kausalereignisse entstanden. Vielmehr ging es um einen ständigen Strom von kleinen Innovationen (etwa der Verbesserung von Dampfmaschinen), die sich mit kulturellen Gegebenheiten (beispielsweise der Wertschätzung von Naturwissenschaften) vermischten.

Unser gegenwärtige nicht-nachhaltige Konsumgesellschaft etablierte sich ab den 1950er-Jahren. Die historische Forschung spricht diesbezüglich von der ‚Großen Beschleunigung‘, der insbesondere im Diskurs um das sog. ‚Anthropozän‘ eine wesentliche Bedeutung zugeschrieben wird. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind die menschlichen Einflüsse auf den Planeten Erde dramatisch gestiegen. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt dazu anschauliches Unterrichtsmaterial bereit.

Nachhaltigkeit im Geschichtsunterricht – ein breites Themenfeld

Wer also mit Lernenden Geschichte unter Nachhaltigkeitsaspekten diskutieren möchte, wird nicht darum herumkommen, jene Faktoren, die zu unserer nicht-nachhaltigen Gegenwart, beigetragen haben, zu thematisieren. Im Unterricht sollte deutlich werden, dass es um die Etablierung komplexer Prozesse geht, von denen wir gegenwärtig (noch) profitieren. Erst aus der Distanz zu der Vergangenheit – so der hier angedeutet Ansatz – wird ein kritisch-reflexiver Blick auf (nicht-)nachhaltiges Denken und Handeln in der Gegenwart möglich.

Quellen

  • Diamond, Jared (2010). Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Frankfurt/Main: Fischer
  • Grober, Ulrich (2010). Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs. München: Antje Kunstmann
  • Hölzl, Richard (2010). Umkämpfte Wälder. Die Geschichte einer ökologischen Reform in Deutschland 1760–1860. Frankfurt/Main: Campus
  • Hübner, Andreas & Sommer, Andreas (2025 i. E.). Geschichtsdidaktik und Bildung für nachhaltige Entwicklung: Grundlinien, Bedingungsfelder und Perspektiven. In Astrid Carrapatoso. et al. (Hrsg.): Handbuch Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Frankfurt a. M.: Wochenschau
  • Osterhammel, Jürgen (2011). Geschichtskolumne Große Transformation. In Merkur 65/7
  • Reusch, Nina (2021). Nachhaltigkeit historisieren. Geschichtsdidaktische Perspektiven auf Bildung für Nachhaltige Entwicklung. LaG-Magazin 3/21, Online: http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/15080
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Über den Autor

Andreas Sommer

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