CSD oder Pride? Geschichte des Pride Month
Ausgangspunkt der heutigen Pride-Paraden sind die Stonewall-Unruhen von 1969. Damals führte die Polizei regelmäßig Razzien in Bars durch, in denen die LGBTQIA+-Community zusammenkam (Anmerkung: LGBTQIA+, dt. LSBTQIA+ steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*, queere, inter* und asexuelle Menschen. Diese Bezeichnung wurde damals noch nicht gebraucht und ist auch heute in Teilen der Community umstritten. Sie kann aber besonders in diesem Fall dazu dienen, hervorzuheben, dass nicht nur schwule Männer an den Unruhen teilhatten, wie oft fälschlicherweise angenommen wird [2]).
Am 28. Juni 1969 widersetzten sich die Menschen im „Stonewall Inn“ in der Christopher Street allerdings einer dieser Razzien. Gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei und Proteste vor dem Stonewall Inn folgten in den nächsten Tagen. Diese Ereignisse werden als Wendepunkt in der Geschichte der Gleichberechtigung angesehen, da sich die LGBTQIA+-Community zum ersten Mal physisch gegen Polizeigewalt, Willkür und Diskriminierung zur Wehr setzte. Bereits im Jahr 1970 fand in den USA die erste Parade zum „Christopher Street Liberation Day“ am Jahrestag der Stonewall-Unruhen statt, um für mehr Rechte und gegen Kriminalisierung und Stigmatisierung zu demonstrieren. [3]
Pride Month heute
Heute wird der Christopher Street Day (CSD) in fast jeder größeren Stadt und zunehmend auch in ländlichen Regionen begangen. Allerdings wird er nicht zwangsläufig am 28. Juni gefeiert, sondern findet in den meisten Orten an frei gewählten Tagen zwischen Anfang Juni und Ende Juli statt. In den USA hat sich der Ausdruck Gay Pride verbreitet – und damit auch der Pride Month. Die Bezeichnung Pride (dt. Stolz) wurde bewusst gewählt, um Toleranz und Selbstbewusstsein zu signalisieren.
Die großen Pride-Paraden, die für ihre bunten Regenbogenfahnen bekannt sind, sind dabei auch heute nicht nur riesige Partys. Bei Reden, Kundgebungen und flankierenden Veranstaltungen macht die LGBTQIA+-Community weiterhin auf Diskriminierung aufmerksam. In einigen Ländern werden sie trotz Verboten durchgeführt, mancherorts in Deutschland können die Paraden nur unter Polizeischutz stattfinden oder müssen abgesagt werden, da die Gefahr für die Teilnehmenden zu groß wäre. [4] [5]
Dass es den Pride Month und die CSDs auch heute noch braucht, zeigt sich dabei immer wieder deutlich: Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ hat sich laut BKA seit 2010 nahezu verzehnfacht. [6] In einer Dunkelfeld-Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2020 gaben 45 Prozent der deutschen Teilnehmenden in nicht-heterosexuellen Beziehungen an, oft oder immer Händchenhalten und Küsse in der Öffentlichkeit zu vermeiden. 24 Prozent gaben an, aus Angst vor Übergriffen oft oder immer bestimmte Orte zu meiden. 44 Prozent haben sich im Jahr vor der Befragung diskriminiert gefühlt. 36 Prozent wurden im Jahr vor der Befragung belästigt. Eine von fünf trans* und inter* Personen wurde in den fünf Jahren vor der Befragung Opfer von physischer oder sexueller Gewalt. Nur 13 Prozent der Befragten meldeten physische oder sexuelle Gewalt, die ihnen widerfahren war, der Polizei. [7] Menschen der LGBTQIA-Community leiden außerdem überproportional häufig an depressiven und Sucht-Erkrankungen sowie Angst-, Ess- und Schlafstörungen. [8]
Kritik am Pride Month
Es gibt aber auch Kritik am Pride Month, auch aus den Reihen der LGBTQIA-Community selbst. Obwohl Pride sowohl für die ganze Community als auch für sogenannte „Allies“ (Personen, die nicht der Community angehören, diese aber unterstützen möchten) da sein sollte, fühlen sich Teile der Community oft nicht ausreichend durch Pride repräsentiert: Dazu zählen z. B. trans* und nicht-binäre Menschen, LGBTQIA-Personen, die gleichzeitig People of Color sind, sowie die ländliche Community. [9]
Außerdem wird immer wieder kritisiert, dass Unternehmen den Pride Month nutzen, um sogenanntes „Pinkwashing“ zu betreiben – also nach außen hin Diversität zu feiern, beispielsweise mit bunten Profilbildern auf Social Media oder Pride-Editionen ihrer Produkte, aber diese Kultur in den Unternehmen selbst nicht gelebt wird.
Pride Month in der Schule
Junge Menschen identifizieren sich zunehmend als Teil der LGBTQIA+Community: 12 Prozent der Gen Z (geboren zwischen 1995 und 2012) geben eine andere Sexualität als „heterosexuell“ bei einer Statista-Befragung aus 2026 an, während es unter den Baby Boomern (geboren zwischen 1946 und 1964) nur 4 Prozent sind. [10] Der Bevölkerungsanteil von trans* und inter* Personen lässt sich momentan nicht schätzen. In der oben erwähnten Dunkelfeld-Studie gaben 27 % der Teilnehmenden zwischen 15 und 17 Jahren an, ihre Sexualität oder Identität in der Schule zu verstecken. 30 % der jungen Teilnehmenden sagten, LGBTQIA+-Themen wären in ihrer Schule positiv oder ausgewogen behandelt worden. [11]
Der Pride Month eignet sich daher besonders gut, um genau diesen Themen mehr Raum im Unterricht zu geben. Hintergründe weltweit und in Deutschland können im Geschichtsunterricht näher beleuchtet werden. Die aktuellen Gesetze und politischen Vorhaben, die die LGBTQIA+-Community betreffen, können in Politik, Gesellschaftswissenschaft oder Ethik behandelt werden. Der Blick auf biologisches und soziales Geschlecht (engl. Gender) sowie Geschlechtsidentitäten kann beispielsweise im Biologieunterricht stattfinden. Und wenn die nächstgelegene Pride- oder CSD-Parade nicht zufällig in die Ferien fällt, finden vielleicht auch dort Veranstaltungen für Schulen statt.
Quellen
[2] https://www.npca.org/articles/2736-the-unsung-heroines-of-stonewall
[3] https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/292948/die-geburtsstunde-des-gay-pride/
[4] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/csd-anfeindungen-100.html
[5] https://www1.wdr.de/nrw/ruhrgebiet/gelsenkirchen/csd-gelsenkirchen-abgesagt-100.html
[7] [11] https://fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/lgbti-survey-country-data_germany.pdf
[8] https://www.lsvd.de/de/ct/2615-Gesundheit-von-LSBTIQ*
[9] https://mannschaft.com/a/pride-burnout-warum-viele-queers-die-paraden-kritisch-hinterfragen








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