Nachhaltigkeit im Unterricht
Der Blog für BNE in der Schule

Overcoming Prejudice – das Thema im Englischunterricht der gymnasialen Oberstufe

Ihr seid auf der Suche nach Anregungen, wie man das Thema „Overcoming Prejudice“ in der gymnasialen Oberstufe unterrichten kann? Ausgehend von den drei Dimensionen von Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) im Englischunterricht – Erkennen, Bewerten, Handeln (siehe Prof. Surkamp in „Was der Englischunterricht für BNE bewirken kann“) findet ihr diese in folgendem Beitrag. Dabei widmen wir uns mindestens zwei der UN- Nachhaltigkeitsziele, nämlich Reduced Inequalities (SDG 10: Weniger Ungleichheiten) und Gender Equality (SDG 5: Geschlechtergleichheit), sowie indirekt auch noch Quality Education (SDG 4: Hochwertige Bildung) – das macht drei.

Woher kommen Vorurteile?

Es ist sinnvoll, sich zunächst zu fragen, was Vorurteile sind und wie sie entstehen. Dann wird ziemlich schnell klar, wo wir im Englischunterricht ansetzen können.

Laut Duden sind Vorurteile „ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene, meist von feindseligen Gefühlen gegen jemanden oder etwas geprägte Meinungen“ (Quelle: Duden). Als Einstieg erarbeiten die Lernenden mit dem einsprachigen Wörterbuch die genaue Bedeutung von to prejudice sb. (against), to prejudge, prejudicial sowie prejudice und grenzen sie von to judge, judgement und judgemental ab.

Vorurteile in der Gesellschaft entstehen durch fehlendes Verständnis, fehlende Kenntnisse oder Angst vor dem Anderen oder Unbekannten. Anderssein – „otherness“ – wird im Cambridge Dictionary definiert als „the quality or fact of being different; being or feeling different in appearance or character from what is familiar, expected or generally accepted” (Quelle: Cambridge Dictionary) und das Collins Cobuild nennt es „quality which is different from yourself or from the things you have experienced; associated with fear of the unknown” (Quelle: Collins Cobuild).

John A. Powell, Direktor des Haas Institute for a Fair and Inclusive Society der Universität Berkeley, sieht die Ursache für Vorurteile und Angst vor dem Unbekannten in den rasanten sozialen Entwicklungen der letzten Jahre und betont, dass Angst eine natürliche menschliche Reaktion ist; wie wir ihr begegnen jedoch ist eine soziale Entscheidung. Im Lehrwerk Green Line Oberstufe gibt es im Kapitel „Identity in a diverse world“ einen Hörtext mit Professor Powell zum Thema „Othered“. Seine Antwort auf Othering ist nicht etwa „saming“, sondern „belonging and bridging“, deshalb wird „belonging“ im Folgenden eine Rolle spielen.

Dr. Zuleyka Zevallos fragt sich in ihrem sehr interessanten Blog Other Sociologist: Wie werden soziale Identitäten und soziale Zugehörigkeit konstruiert? Ihrer Meinung nach bestimmen u. a. Konzepte von Ähnlichkeit und Verschiedenheit das Gefühl von Identität und sozialer Zugehörigkeit, „belonging“. Ihre Diskussion des Themas schließt einen weiteren Aspekt ein, nämlich, dass die Minderheitengruppe, von der man sich abgrenzt, von der Mehrheit als geringerwertig gesehen wird.
Einen Tipp zum Thema „belonging“ findet ihr weiter unten im Artikel.

Wo begegnen uns Vorurteile?

Leider begegnen uns Vorurteile in allen Bereichen der Gesellschaft, sie sind miteinander verwoben und machen einen Teil der Lebenswelt der Jugendlichen aus, wie zum Beispiel soziale und ethnische Herkunft, Geschlechterungleichheit, Religionen sowie alternative Lebensstile.

In Lehrwerken finden sich die Bereiche identity, immigration, gender, ethnic groups/minorities, generations, social classes, language/accents, regions (UK: north-south divide), poverty, education, names, religion, otherness/us and them in verschiedenen Kapiteln wieder.

Wie kann der Englischunterricht dazu beitragen, Vorurteile zu überwinden?

Für mich ergeben sich zwei Ansätze, im Englischunterricht Vorurteilen entgegenzutreten, nämlich zum einen Unwissen abzubauen, indem man sich bewusst macht, woher gewisse Vorurteile kommen und geschichtliche, kulturelle und politische Hintergründe mit der Klasse/dem Kurs diskutiert, sowie zum anderen das Urteilsvermögen der Lernenden aufgrund von objektiven Tatsachen auszuprägen, kulturelle Diversität voranzubringen und Toleranz zu praktizieren.

Ein Film, den ich zur Erreichung dieser von mir gesetzten Ziele sehr gerne im Englischunterricht einsetze, ist „Freedom Writers“ (2007) von Richard LaGravenese. Er basiert auf der wahren Geschichte und dem Buch „The Freedom Writers Diary“ von Erin Gruwell, einer jungen amerikanischen Lehrerin, die während ihres Unterrichts eine rassistische Karikatur einer ihrer Schüler entdeckt und entrüstet ausruft, dass genau so etwas zum Holocaust geführt habe. Als ihre Klasse sie vollkommen verständnislos anschaut, weil die Jugendlichen nicht wissen, was das ist, beschließt sie, den Lehrplan auszusetzen und stattdessen das „Tagebuch der Anne Frank“ mit ihnen zu lesen und sie zu ermutigen, ihre eigenen Geschichten aufzuschreiben. Der Film wird sicher auch bei euch in der Klasse eine Menge Diskussionsanlass bieten. Mehr dazu findet ihr auch auf der Seite der Freedom Writers Foundation.

Wie Professor Carola Surkamp u. a. in dem von ihr herausgegebenen Buch „Bildung für nachhaltige Entwicklung im Englischunterricht“ betont, wollen wir die Kinder und Jugendlichen befähigen, zukunftsfähig zu agieren. Damit ist gemeint, dass sie eigenständig und reflektierend handeln können. Dafür müssen sie Wissen über kulturelle, lokale und globale Aspekte erwerben, z. B. über Hintergründe für Intoleranz und Vorurteile. Außerdem sollen ihre Fähigkeiten zum Perspektivwechsel und ihre sprachlich-kommunikativen Fertigkeiten geschult werden, sodass sie Konsequenzen für das eigene Handeln ableiten können.

Cover The Hate U Give

Meines Erachtens spielt der Einsatz von literarischen Texten dabei eine erhebliche Rolle. Die Lernenden reflektieren über Erfahrungen sowie Verhaltensweisen von Charakteren und arbeiten an ihrem Empathievermögen und ihrer Urteilsfähigkeit. Dabei nutzen sie nicht nur die Fremdsprache, um sich zu äußern, sondern reflektieren ebenfalls darüber, wie die Sprache eingesetzt wird. Ein beliebtes und sehr passendes Beispiel hierfür ist das Lesen und Besprechen des Romans „The Hate You Give“ (2017) von Angie Thomas mit Themen wie Black Lives Matter, identity und code-switching.

Alternativ bietet sich der weniger bekannte Roman „The Vanishing Half“ (2020) von Brit Bennett an, der die Geschichte des Zwillingspaares Stella und Desiree Vignes erzählt, von denen die eine beschließt, trotz ihrer schwarzen Herkunft als weiße Frau durchs Leben zu gehen (Thema „passing“), woraus sich mit der Klasse/dem Kurs eine sehr interessante Diskussion zu ihren mehr oder weniger freiwilligen Beweggründen ergeben kann. Die beiden Töchter der Schwestern werden sich später kennenlernen – an deren Lebensentwürfen kann außerdem das Thema Transgender beleuchtet werden.

Ein Text, der vor allem unsere jungen Leute anspricht, ist Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“, das nach der herkömmlichen Behandlung unter einem neuen Aspekt diskutiert werden könnte, nämlich der Kontroverse zum Thema der Übersetzung, bei der es 2021 um die Frage ging, welche Person mit welchem Hintergrund berechtigt sei, das Gedicht zu übersetzen. Anlass für die Debatte war der Rücktritt der niederländischen, weißen, nicht-binären Autorin Marieke Lucas Rijneveld vom Übersetzungsauftrag, nachdem es einen Aufschrei der Entrüstung über die Beauftragung gegeben hatte.

Welche Themen bieten sich an?

Die Rahmenlehrpläne der Bundesländer, aber auch verschiedene Lehrwerke, enthalten Themenbereiche, die sich anbieten, Wissen aufzubauen, Fähigkeiten zu schulen und Handeln zu initiieren.

Dazu gehören u. a. die Themen Identity in a diverse world, Tradition and Change, Choices in work and society, aber auch Werke von Shakespeare. Sowohl „Romeo and Juliet“ als auch „The Merchant of Venice“ mit ihren jeweiligen Verfilmungen können Anlass zur Diskussion um Vorurteile sein.

21st Century skills

Eisberg

Ein Feature des Lehrwerks Green Line Oberstufe passt besonders gut zu unserem Anliegen, Vorurteile zu überwinden, sowie Urteilsfähigkeit und Empathievermögen auszubauen – die 21st Century Skills, von denen ich zwei hervorheben möchte: Empathy und Cultural Iceberg. Erstere schließt sich an das Kapitel zu Shakespeare an und ermutigt die Lernenden, sich in die Lage anderer Personen zu versetzen und somit einen Perspektivwechsel vorzunehmen, der sehr lehrreich ist. Zweitere bietet großartige Diskussionsanlässe zu intercultural competence anhand der Theorie des Cultural Iceberg von Edward T. Tall, 1976.

Zu guter Letzt noch ein Tipp von mir zum Thema Belonging, den ich versprochen hatte: Kürzlich habe ich Anita Sethis Buch „I Belong Here. A Journey Along the Backbone of Britain“ entdeckt, das Themen wie Identität und Zugehörigkeit anhand ihrer eigenen Erfahrungen untersucht und gefüllt ist mit Beobachtungen von Natur und Gesellschaft, Reflektionen über geschichtliche Ursachen für Vorurteile und Rassismus, dabei aber überaus inspirierend und hoffnungsvoll ist. Demnächst findet ihr im Blog in der Rubrik „Lesetipps“ mehr zum Buch.

Ich wünsche euch interessante Diskussionen bei der Bearbeitung des Themas im Unterricht.

Quellen

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Über die Autorin

Christine Meißner

Nach ein paar Jahren an der Regelschule entschied ich mich für die Erwachsenenbildung und unterrichte seit 1991 Englisch am Abendgymnasium Prenzlauer Berg in Berlin, weshalb mein Fokus somit auf der SEK II liegt. Mein besonderes Interesse gilt dem Thema Lernen lernen, denn es fasziniert mich, wie man den Lernprozess für alle Beteiligten effizient und vor allem attraktiv gestalten kann. Deshalb habe ich mich auch zum Personal Change Management Coach qualifiziert. Seit mehr als 15 Jahren bin ich zudem in der Lehrerfort- und Weiterbildung sowie als Autorin für den Ernst Klett Verlag tätig, weil es mir Freude macht, für die Kolleg:innen neue Themen aufzubereiten.

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Ein Kommentar

  1. H.L. 3. Mai 2023 um 23:27 Uhr - Antworten

    Auch wir haben uns im Unterricht mit dem Thema „Vorurteile“ befasst und durchleuchtet, woher diese kommen und wie man diesen möglichst entgegentritt. Ich empfinde besonders dieses Thema als sehr interessant und habe mich darüber gefreut, dass es hier durch eine praktizierende Lehrkraft so vielfältig thematisiert wurde. Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag!

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