Arjun* schaut sich lächelnd im Klassenraum um, denn gerade hat er von seinen Klassenkamerad:innen staunende Anerkennung dafür bekommen, dass Deutsch die fünfte Sprache ist, die er fließend spricht. Damit hat er den Klassenrekord in der 5b geschafft. Und seit diesem Tag hören die anderen auch auf, ihn wegen seines starken Akzents im Deutschen zu hänseln.
Arjun ist allerdings nicht der einzige in der Runde mit Mehrsprachigkeitserfahrung. Im Klassenraum sind tatsächlich Muttersprachler:innen von insgesamt 14 verschiedenen Sprachen anwesend – und das an einem völlig durchschnittlichen nordrhein-westfälischen Gymnasium.
Sammelsurium, Mischmasch, Wirrwarr, Kuddelmuddel
Aber damit hört es mit dem Sprachenreichtum in der Klasse nicht auf. Begleiten wir mal eine Schülerin einen Tag lang durch ihren Alltag:
Lena sitzt mit ihrer Schwester Julia am Frühstückstisch. Die beiden sprechen mit der Mutter Russisch (Muttersprache). Vater und Mutter besprechen gerade den Tagesablauf. Das tun sie auch auf Russisch. Mit Lena und Julia spricht der Vater aber Deutsch, er ist in einer russlanddeutschen Familie aufgewachsen (Zweitsprache). Lena steigt aufs Rad und fährt die vier Kilometer zur Schule mit ihren beiden Freundinnen. Die reden miteinander Türkisch und Lena kann auch schon einige Sätze (Verkehrssprachen). Lena und ihre Freundinnen sind an der Schule angekommen und schauen sich TikTok-Videos von ihren amerikanischen Lieblingsinfluencer:innen auf Englisch an – nicht das Englisch, das später in der 4. Stunde gesprochen wird. Später in der fünften Stunde hat sie Spanisch-Unterricht (Fremdsprachen). Und am Nachmittag geht sie wie immer zu ihrer Oma. Die Oma und Lena sprechen miteinander Litauisch. Lenas Mama ist nämlich erst mit der Heirat Russin geworden, eigentlich ist sie Litauerin.
Dieses Beispiel zeigt, dass die Sprachwelten unserer Lernenden viel bunter sind, als wir das oft ahnen. Und der Umgang mit diesem Mischmasch an Sprachen ist mitunter erstaunlich souverän. Die Vorstellung, dass mehrsprachige Schüler:innen zwischen ihrer Muttersprache und dem Deutschen hübsch hin- und herschalten, ist überholt. Längst weiß man, dass sich jede:r einer Vielzahl an Varietäten bzw. Sprachen bedient, um in verschiedenen Kommunikationssituationen kompetent zu agieren.
Mehrsprachigkeit als BNE-Praxis im Deutschunterricht
Diesen Sprachenreichtum im Deutschunterricht als Ressource für den Kompetenzaufbau zu nutzen, schlägt sich schon in einigen Lehrplänen in den Bundesländern und auch in den Deutschlehrwerken des Klett-Verlages (vgl. z.B. Deutsch kompetent 5) nieder. Denn wenn Sprachen im Unterricht nur als Defizit erscheinen, wird ein großer Teil der Kompetenzen unsichtbar gemacht. Zunächst geht es also gar nicht um domänenspezifische Unterrichtsziele, sondern um die Sichtbarmachung des Sprachenreichtums. Oomen-Welke – eine der Pionierinnen in diesem Feld in Deutschland – hat folgende Funktionen eines mehrsprachigen Deutschunterrichts identifiziert:
- Wertschätzung der verschiedenen Muttersprachen
- Wissen über das Deutsche und die anderen Muttersprachen
- Interkulturelles Lernen
- Haltung der Sprachaufmerksamkeit
- Grunderfahrungen zum Übersetzen
- Deautomatisierung im Sprachgebrauch
Ein solcher Deutschunterricht findet ganz im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung statt, indem er verschiedene der 17 SDG (Sustainable Development Goals der UN) ansteuert: Besonders SDG 10 – Weniger Ungleichheiten wird angesprochen, indem der Deutschunterricht Diversität sichtbar macht und Mehrsprachigkeit wertschätzt (vgl. Arjuns Beispiel oben). Durch die kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Biographien und kulturellen Prägungen trägt er dazu bei, Vorurteile abzubauen, Teilhabe zu stärken und eine diskriminierungssensible Lernkultur zu entwickeln. Auch SDG 16 – Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen wird angesprochen, indem demokratische Gesprächskultur, Empathie, Perspektivübernahme und respektvoller Umgang miteinander eingeübt werden.
Wer ist hier Experte und Expertin?
Kontrastiver Grammatikunterricht macht diese Ressource nun konkret nutzbar. Doch, halt! Viele Lehrkräfte werden an dieser Stelle davon abgehalten, in die Vollen der Sprachenvielfalt zu greifen, weil sie sich fragen: „Wie soll ich denn all diese Sprachen nutzen, wenn ich sie selbst nicht spreche?“ Dies ist der Moment für ein grundsätzliches Umdenken: Denn gerade diese Unfähigkeit der Lehrkraft, bzw. die Tatsache, dass sich das Kompetenzgefälle an dieser Stelle umkehrt, wird zur Grundlage dafür, dass sich Lernende selbstwirksam als Expert:innen erleben können.
Folgende didaktisch-methodischen Überlegungen können dabei helfen, sich in der neuen Rollenverteilung zurechtzufinden:
- Erfasst die Sprachenvielfalt der Lerngruppe und ihre Sprachlernerfahrungen (s. oben).
- Lasst bei Gruppen- und Partnerarbeit den Lernenden freie Wahl für die Arbeitssprache. Die Ergebnisse werden dann aber natürlich in der gemeinsamen Unterrichtssprache präsentiert.
- Lasst die Lernenden in die Rolle des Experten/der Expertin hineinwachsen: Oft müssen die Schüler:innen erst mal lernen, ein reflexives Sprachbewusstsein zu entwickeln. Das gelingt zu zweit oder in einer Gruppe, in der alle die gleiche Muttersprache sprechen, im Austausch viel besser.
- Entwickelt mit den Lernenden ein kleines Repertoire an sprachkontrastiven Methoden: Mit dem Vergleich kleiner sprachlicher Einheiten beginnen. Übersetzungen untersuchen und über die Tauglichkeit von Übersetzungen reflektieren. Fehler (bei Fremdsprachenlernern) auf Sprachinterferenzen zurückführen u. a.
- Informiert euch, wenn möglich, über die Grundstrukturen einiger vorhandener Sprachen. Sehr hilfreich ist dabei eine Broschüre des Landesinstituts für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung in Schulen (LI) in Hamburg: „Mehrsprachigkeit zur Entwicklung von Sprachbewusstsein – Sprachbewusstsein als Element der Sprachförderung. Mehrsprachigkeit zur Entwicklung von Sprachbewusstsein“ und das Internet-Angebot der Uni Landau: „Deutsch unterrichten – mit Lingo und Parla“, eine sehr umfangreiche Seite, auf der man auch 23 Sprachenportraits der meist gesprochenen migrantischen Sprachen in Deutschland findet.
- Nutzt die Möglichkeit, fachübergreifend, z. B. mit den Fremdsprachenfächern, zu arbeiten. Bindet als Lingua franca der Fremdsprachen das Englische als erstes in den sprachkontrastiven Vergleich ein und dann schrittweise weitere Sprachen.
- Macht Reflexionsphasen zum festen Bestandteil der Phasierung einer sprachkontrastiven Unterrichtseinheit, um eine Sprachreflexionskompetenz aufzubauen.
Beispiele für Unterrichtsgegenstände wären das Vorhandensein der Kategorie „grammatisches/ natürliches Geschlecht“ bei der Wortart Nomen, entsprechend das Vorhandensein der Wortart Artikel. Ein weiteres Beispiel ist die Verwendung des Präsens als Futurersatz, den es in vielen, aber eben nicht allen Sprachen gibt. Besonders eindrücklich ist auch die Flexibilität des deutschen Satzbaus, bedingt durch das Vorhandensein der Kasus. Man vergleiche:
Dog bites man.
Der Hund beißt den Mann.
Man bites dog.
Den Mann beißt der Hund.
Auch ein Schriftenvergleich und die Untersuchung der unterschiedlichen Systeme (als Vorbereitung auf eine Rechtschreibreihe) ist möglich. Außerdem kann man zur Bewusstmachung sprachlicher Strukturen bei der Behandlung von literarischen Texten in höheren Kursen punktuell Übersetzungen vergleichen und anfertigen lassen. Es finden sich noch viele weitere Beispiele und ihr werdet mit euren Lernenden viele überraschende Entdeckungen machen.
Kontrastiver Grammatikunterricht ist mehr als eine Methode zur Sprachförderung. Er ist eine Praxis nachhaltiger Bildung: ressourcenorientiert, partizipativ und erkenntnisfördernd.








Hinterlasse einen Kommentar