Nachhaltigkeit im Unterricht
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Klimaflucht: zwischen Rekordzahlen und Schutzlücken

Wenn Bilder von überschwemmten Dörfern in Pakistan oder schwindenden Inseln im Pazifik durch die Medien gehen, entstehen unweigerlich Bilder im Kopf, wie Menschen fliehen. Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag und damit ein guter Moment, um sich den Begriff „Klimaflucht“ genauer anzuschauen.

Was meinen wir eigentlich, wenn wir „Klimaflucht“ sagen?

Von Klimaflucht sprechen wir, wenn Menschen ihren Lebensmittelpunkt für längere Zeit verlassen müssen, weil sie erheblich von Klimafolgen betroffen sind. Das ist eine Arbeitsdefinition – kein Rechtsbegriff, kein politischer Beschluss. Denn tatsächlich existiert „Klimaflucht“ als anerkannte Schutzkategorie im Völkerrecht bisher nicht.

Klimaflucht kann man sich als Spektrum vorstellen: Am einen Ende stehen Menschen, die fast gar keine Wahl haben, sie werden vertrieben, akut und ohne Vorwarnung, etwa durch einen Sturm oder eine plötzliche Flut. Am anderen Ende stehen Menschen, die etwas mehr Spielraum haben: Sie können entscheiden, ob, wann und wohin sie gehen – dann spricht man eher von Migration. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe, die im öffentlichen Diskurs oft vergessen wird, nämlich die Menschen, die bleiben. Manchmal freiwillig, weil sie mit ihrer Heimat tief verbunden sind, häufiger aber unfreiwillig, weil ihnen die Mittel fehlen, um überhaupt wegzugehen. Denn Armut ist kein Antrieb zur Flucht, sie ist oft ein Hindernis.

Klimaflucht hat selten nur einen Grund

Ein häufiges Missverständnis steckt schon im Begriff selbst, denn Klimaflucht ist fast nie nur Klimaflucht. Menschen fliehen nicht, nur weil die Temperaturen steigen. Sie fliehen, weil die Ernte ausfällt, weil das Einkommen wegbricht, weil der Staat keine Hilfe schickt, weil die Infrastruktur schon vorher marode war und weil die Klimakrise all das noch verschlimmert. Direkt oder indirekt, sichtbar oder schleichend.

Daher wird Klimaflucht auch als multikausal beschrieben. Damit ist gemeint, dass Klimaflucht aus dem Zusammenspiel von Umwelt-, Wirtschafts-, politischen und sozialen Faktoren entsteht, also viele Gründe zur Klimaflucht führen. Die Klimakrise ist dabei oft ein Verstärker, selten der einzige Auslöser. Das macht sie nicht weniger real, aber es macht die Datenlage kompliziert. Daher ist es schwer messbar, wie viele Menschen aufgrund klimatischer Bedingungen geflohen sind. Was aber wichtig zu verstehen ist, ist dass der größte Teil von Klimaflucht gar nicht über Grenzen hinweg stattfindet. Die meisten Menschen, die wegen Klimafolgen ihr Zuhause verlassen, bleiben innerhalb der Landesgrenzen. Es kommt also zur Binnenvertreibung oder zur Binnenmigration. Diese Erkenntnis ist zentral, denn es korrigiert das verbreitete Bild von Massen an Menschen, die aus dem Globalen Süden in den Globalen Norden fliehen. Die eigentliche Dimension von Klimaflucht spielt sich, zumindest bisher, vor allem innerhalb von Landesgrenzen ab.

Die Zahlen dahinter

Ende 2024 lebten weltweit rund 83,4 Millionen Menschen in interner Vertreibung – doppelt so viele wie noch 2018. Allein 2024 wurden fast 45,8 Millionen Vertreibungen durch Naturkatastrophen registriert – so viele wie nie zuvor seit Beginn der systematischen Erfassung im Jahr 2008. Darunter fallen vor allem Stürme und Überschwemmungen. Ob Menschen bei Klimafolgen gehen oder bleiben, hängt dabei von sehr unterschiedlichen Faktoren ab – von persönlichen Ressourcen wie Geld, Alter, Gesundheit und sozialen Netzwerken, aber auch von gesellschaftlichen Bedingungen wie staatlicher Unterstützung oder geografischer Lage.

Eine Schutzlücke, die Millionen betrifft

Da Klimaflucht kein Rechtsbegriff ist, hat das Folgen. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 schützt Menschen, die aus begründeter Furcht vor Verfolgung fliehen, etwa wegen ihrer Religion oder Nationalität. Wer vor Dürre, dem Meeresspiegelanstieg oder Überschwemmungen flieht, fällt damit in der Regel nicht unter diesen Schutz. Kleine positive Entwicklungen gibt es aber: Zum Beispiel wurde 2019 vom UN-Menschenrechtsausschuss anerkannt, dass Klimafolgen das völkerrechtliche Rückkehrverbot (Non-Refoulement) auslösen können. Stark verkürzt bedeutet das, dass niemand in ein Land abgeschoben werden darf, wenn ihm dort ernsthafter Schaden droht. Doch ein umfassender rechtlicher Rahmen, der Menschen auf der Flucht vor Klimafolgen systematisch schützt, fehlt bis heute.

Ein anderes Bild: Tuvalu und das Falepili-Abkommen

Tuvalu, ein kleiner Inselstaat im Pazifik mit rund 12.000 Einwohner:innen, ist durch den steigenden Meeresspiegel, Erosion und zunehmende Extremwetterereignisse existenziell bedroht und gilt daher oft als Paradebeispiel für die unvermeidliche Klimaflucht. Doch Studien und lokale Perspektiven zeigen, dass die meisten Tuvaluaner:innen in ihrer Heimat bleiben wollen. Viele wünschen sich Investitionen in lokale Anpassung und keinen erzwungenen Wegzug. 2023 schlossen Tuvalu und Australien das sogenannte Falepili-Abkommen. Dieses sichert jährlich 280 Tuvaluaner:innen ein Aufenthalts- und Arbeitsrecht in Australien zu, erkennt aber gleichzeitig Tuvalus Souveränität und den Wunsch der Bevölkerung, zu bleiben, ausdrücklich an. Mobilität wird hier also als Recht verstanden und damit auch als eine von mehreren selbstbestimmten Antworten auf die Klimakrise. Dennoch ist das Abkommen nicht unkritisch. Tuvalu musste Australien implizite Mitsprache bei Sicherheitsbündnissen zugestehen und die Bevölkerung war nur teilweise in die Verhandlungen eingebunden. Trotzdem zeigt es, dass ein anderes Narrativ im Kontext von Klimaflucht möglich ist, nämlich Aushandlung auf Augenhöhe und internationale Kooperation.

Was bleibt?

„Klimaflucht“ ist ein Begriff mit moralischer Kraft, denn er macht sichtbar, dass Menschen wegen einer Krise fliehen, für die sie kaum Verantwortung tragen. Das zu verstehen ist wichtig. Aber er braucht Kontextualisierung: Wer ist betroffen? Warum gerade diese Menschen? Welche Strukturen machen sie verletzlich und was könnte die Politik konkret tun?

Fünf Ebenen sind dabei entscheidend:

  • Flucht vorbeugen,
  • Menschen unterstützen, die trotz Risiken bleiben,
  • sichere Wege für Migration schaffen,
  • Schutz für Geflohene gewährleisten und
  • gerechte Antworten für Verluste bereitstellen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen.

Fragen, die nicht nur im Geografieunterricht relevant sind, sondern auch in der breiten Gesellschaft. Denn am Weltflüchtlingstag geht es nicht nur um Zahlen. Es geht darum, wessen Situation wir sehen und welche Handlungsmöglichkeiten wir daraus ableiten.

Was steckt hinter den Zahlen – und wer erzählt die Geschichten?

Zahlen und Begriffe sind das eine. Aber was wirklich hängen bleibt, ist meistens eine Geschichte. Zum Beispiel ein Mensch, ein Gesicht, eine Biografie. Wir als Deutsche KlimaStiftung verleihen seit 2016 die Wanderausstellung KLIMAFLUCHT, die 21 Menschen aus unterschiedlichen Regionen der Welt porträtiert, deren Leben die Klimakrise geprägt hat, oft auf existenzielle Weise. Ergänzend dazu vermitteln wir Klimabotschafter:innen für Workshops und Vorträge. Aus einem früheren Projekt konnten wir ein Netzwerk an Menschen mit eigener Flucht- oder Migrationserfahrung aufbauen, die ihre persönlichen Geschichten mit den globalen Zusammenhängen der Klimakrise verknüpfen. Das Angebot richtet sich unter anderem an Schulen und Bildungseinrichtungen und kann unabhängig von der Wanderausstellung gebucht werden. Weitere Informationen, Anfragemöglichkeiten sowie unsere digitale Version der Klimaflucht Ausstellung finden Sie unter www.klimaflucht.de.

Dieser Beitrag wurdevon Jule Hüneke (Community- & Eventmanagerin bei der Deutschen KlimaStiftung) verfasst.

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