Nachhaltigkeit im Unterricht
Der Blog für BNE in der Schule

„Handy geben rettet Leben!“

Eine Projektidee zum Thema Nachhaltigkeit

Die Herstellung von Smartphones ist meist nicht fair angelegt und mit teilweise problematischem Rohstoffeinsatz verbunden. So wird beispielsweise das verwendete Coltan stellenweise unter fragwürdigen Bedingungen abgebaut (siehe Abschnitt „Blutcoltan“). Auch ist die Gewinnung des verwendeten Lithiums durch den immensen Wasserverbrauch in trockenen Ländern in die Diskussion geraten. Mit dem „Fairphone“ gibt es den Versuch, ein ökologisch und ökonomisch korrektes Modell herzustellen – gemessen an den Stückzahlen führt es jedoch ein Nischendasein.

Wie kann man Lernenden diesen Themenkomplex näherbringen? Eine Möglichkeit ist die Initiierung eines Handy-Sammelprojekts in der Schule – im Rahmen des regulären Unterrichts oder einer Projektwoche.

Das Ziel: Unterricht leistet einen realen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und die Lernenden werden für die Zusammenhänge bei der Produktion und dem Konsum moderner Elektronikgeräte sensibilisiert.

An der Anne-Frank-Realschule in Marbach am Neckar haben wir ein solches Projekt unter dem Slogan „Handy geben rettet Leben!“ erfolgreich durchgeführt. Ich möchte hier einige Merkmale dieses Projekts vorstellen, verbunden mit dem Wunsch, Anregungen geben zu können.

Immer das neueste Modell

Die technische Entwicklung bei Handys verläuft rasant. Der Besitz des neuesten Modells ist für viele ein Statussymbol. Man will dazugehören. Das Vorgängermodell wird obsolet und landet häufig in der Schublade.

Hat ein neueres Gerät einen größeren Defekt, zum Beispiel am Bildschirm, liegt ebenfalls häufig eine Neuanschaffung nahe. Die funktionierenden Restkomponenten des Gerätes werden zumindest scheinbar wertlos. Eine Reparatur ist oft nicht möglich oder erscheint wirtschaftlich unattraktiv.

Fünf Lernende sitzen auf einer Bank und schauen jeweils in ihre Smartphones

Das alte Handy als Rohstofflager

Ein modernes Handy enthält unter anderem etwa 30 Milligramm Gold in der Leiterplatte. Im Jahr 2021 wurden in Deutschland 20 Millionen dieser Geräte verkauft. Der Goldbedarf hierfür liegt also bei 600 Kilogramm, was einem Marktwert von über 30 Millionen Euro entspricht. In den Geräten stecken weiterhin Stoffe wie Tantal (Kondensatoren), Indium (Display), Cobalt (Akku), Palladium (Mikrochip) oder Neodym (Lautsprecher).

Mehrere kaputte Smartphones wurden in einem runden Behälter gesammelt

Von der Linear- zur Kreislaufwirtschaft

Es könnte zur Überlebensfrage der Menschheit werden, ob es gelingt, von einer Linearwirtschaft, bei der die Rohstoffe einmalig genutzt werden, zu einer Kreislaufwirtschaft zu kommen. Diese schont Ressourcen, verringert Müllberge, kann die lokale Wirtschaft stärken und neue Arbeitsplätze schaffen. Wichtige Bausteine auf dem Weg zu einer solchen sind eben die Wiedernutzung von Rohstoffen durch Recycling und die bessere Reparierbarkeit von Geräten.

In diese Richtung zielt auch eine Gesetzesinitiative des EU-Parlaments: Es hat im April 2022 seine Forderungen zu einem Recht auf Reparatur verabschiedet – ein Beitrag zum Green Deal der EU.

Tipp: Diese Informationen können sich die Lernenden beispielweise mithilfe des Klett-Schulbuches „PRISMA Biologie, Naturphänomene und Technik 5/6“ erarbeiten.

„Blutcoltan“

Abbildung des schwarzen Rohstoffes Coltan

Wertvolle Rohstoffe können zu Konfliktmineralien werden wie z. B. Coltan. Für die Herstellung der Handyakkus wird Coltan benötigt. Coltan zu gewinnen ist nicht kompliziert. Schlimm sind oft die Abbau-Bedingungen: Die kongolesischen Coltan-Mienen werden teilweise von bewaffneten Rebellengruppen kontrolliert, Tagelöhnende waschen das Erz aus der Erde, darunter viele Kinder. Man spricht daher auch von „Blutcoltan“. [Quelle: utopia.de] Einige Unternehmen versuchen heute bereits, auf Coltan solch zweifelhafter Herkunft zu verzichten.

Die Durchführung des Projekts

1. Ein Sammelprojekt starten

Ein Handy-Sammelprojekt stellt einen handlungsorientierten, aktivierenden Ansatz zur Thematisierung des beschriebenen Themenkomplexes dar. Die Lernenden erarbeiten sich die Hintergründe zum Thema, gestalten Werbematerial – zum Beispiel eine Homepage – bauen eine Sammelbox und führen die gebrauchten Handys dem Recycling zu.

2. Sich informieren

Informationen finden sich in Lehrwerken (z. B. den Bänden „PRISMA Physik Differenzierende Ausgabe A“ oder „PRISMA Wahlpflichtfach 5 Naturwissenschaften aktiv“ des Klett Verlages) und natürlich im Internet. Die Lernenden bereiteten diese Informationen bei unserem Projekt für sich und ihre Klasse auf, unter anderem mithilfe von Infoplakaten und einer Homepage.

3. Eine Homepage gestalten

Das war für die Lernenden bei unserem Projekt nicht schwer. Es gibt zahlreiche Anbieter sogenannter Homepage-Baukästen (z. B. Jimdo). Hier lassen sich recht einfach Webseiten erstellen. Diese laufen nach der Erstellung wartungsfrei. Die Kosten halten sich im Rahmen. Es gibt auch Gratisangebote, die dann in der Regel mit Werbeeinblendungen versehen sind.

Sinnvoll ist eine Abklärung der rechtlichen Aspekte mit der Schulleitung. Die Schule, oder der Schulträger, kann bzw. sollte dabei als Anbieter des Informationsangebotes auftreten. Wichtig ist es ebenfalls, sich über die Vorschriften zum Impressum und den Datenschutzhinweisen zu informieren. Helfen kann dabei der/die Datenschutzbeauftragte der Schulbehörde.

4. Eine Sammelbox bauen

Mithilfe einer selbst gebauten, abschließbaren Sammelbox boten wir den Spendenden jederzeit die Gelegenheit, das zu entsorgende Gerät abzugeben. Interessant für eine Sammelaktion sind vor allem defekte oder stark veraltete Geräte. Intakte Smartphones neuerer Generationen lassen sich privat gut auf dem Gebrauchtmarkt verkaufen, daher fanden sich in unserer Sammelbox auch keine solchen. Sollte ein aktuelles Gerät in einer Sammelbox auftauchen, lässt es sich über verschiedene Plattformen veräußern.

Die Sammelbox lässt sich im Rahmen einer Projektwoche bauen oder bei einem fächerverbindenden Ansatz von Seiten der Technikgruppen in der Schule.

Besonders einfach macht es einem die Caritas: Sie bietet die Zusendung einer Sammelbox an, wenn man sich für deren Sammelaktion entscheidet.

Wichtig ist ein Hinweis auf der Sammelbox an die Spendenden, die persönlichen Daten zu löschen und die SIM-Karte zu entfernen.

5. An die Öffentlichkeit gehen

Nun muss die Werbetrommel gerührt werden. Beim Handysammelprojekt an der Anne-Frank-Realschule Marbach am Neckar konnten wir den damaligen Oberbürgermeister als Schirmherr gewinnen. Bei einem Pressetermin warf dieser das erste Gerät in die Box. Ein Zeitungsartikel folgte.

Ein besonderes Erlebnis war für die Lernenden auch die Präsentation ihres Projektes bei einem Kongress in Stuttgart. Da die Nutzung der sozialen Netzwerke im Rahmen des Unterrichts sehr bedenklich bis rechtlich unmöglich ist, bleibt neben der Presse als wichtiges Werbemittel die mündliche Kommunikation.

Wohin mit den Handys?

Wir haben die Geräte über einen Wertstoffhof dem Recycling zugeführt und konnten damit einen dreistelligen Betrag erzielen. Die Lernenden entschieden sich nach einigen Recherchen dazu, das Geld einem Caritas-Projekt für ehemalige Kindersoldaten im Kongo zukommen zu lassen.

Für nicht mehr funktionsfähige Handys Geld zu erhalten, ist mittlerweile schwierig geworden. Eine Möglichkeit ist es, diese einer der NGOs (Nichtregierungsorganisationen) zu überlassen, die diese für verschiedene Anliegen vermarkten. Vorschläge findet ihr in der Linksammlung am Ende des Blogs.

Je nach Zustand werden die Handys wiederaufbereitet und verkauft. Die eingesammelten Geräte werden vor der Weiterverwertung einer Datenlöschung unterzogen.

Nicht mehr funktionsfähige Geräte werden fachgerecht entsorgt und wertvolle Rohstoffe wie Gold, Silber, Palladium und Kupfer recycelt.

Unzählige alte Smartphones liegen gesammelt aufeinander

Ein Abnehmer ist beispielsweise auch der Zoo Frankfurt. Er betreibt seit 2009 eine Sammelaktion für die Gorillas im Virunga Nationalpark. Vielleicht gibt es lokal noch weitere dankbare Abnehmer?

Hintergrundinformationen und Links

  • Kapitel „Müll ist nicht gleich Müll“ (S. 282 f.) und „Was steckt in meinem Smartphone?“ (S.290 f.) in PRISMA Biologie, Naturphänomene und Technik 5/6, Differenzierende Ausgabe Baden-Württemberg ab 2016
  • Kapitel: „Koltan aus dem Kongo“ (S.100 f.) und „Aktiv gegen Ressourcenverschwendung“ (S. 114 f.) in TERRA Geographie 9/10, Ausgabe Baden-Württemberg ab 2016
  • Film-Doku zum Thema Coltan: „Blood in the mobile“
  • Projekthomepage Sammelprojekt (Webarchiv „Wayback-machine“)

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Über den Autor

Oliver Schreek

Fachleiter und Lehrer für Physik, Gemeinschaftskunde und Informatik an der Anne-Frank-Realschule Marbach am Neckar. Freie Tätigkeit als Autor und Homepage-Konzeptioner. Ausgebildet zum Konzeptioner für Neue Bildungsmedien. Frühere berufliche Tätigkeit als Content-Manager und Gründerberater.

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