Was sind die Gender Studies?
Die Gender Studies beschäftigen sich mit dem Geschlecht als eine von Menschen in historischen Prozessen erzeugte soziale Differenz. Die Unterscheidung, die zwischen den Geschlechtern vorgenommen wird, ist historisch und regional sehr variabel. Die Analyse trägt dazu bei, die Komplexität von gender in sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Kontexten zu erfassen. Vorläufer der Gender Studies ist die Frauenforschung, diese hatte sich aus der zweiten Frauenbewegung entwickelt. 1986 plädierte die amerikanische Historikerin Joan W. Scott dafür, die feministisch geprägte Frauengeschichte durch die Kategorie gender zu erweitern. Ziel war es, eine theoretisch-reflektierte Kategorie zur Analyse von Macht und Ungleichheit einzuführen. Der Begriff gender wird heute nicht nur für die Untersuchung von Machtverhältnissen verwendet, sondern auch für die Erforschung des Körpers, der Sexualität, des Konzepts der Männlichkeit und der Intersektionalität.
Gender Studies und die lateinische Literatur
Seit dem 21. Jahrhundert sind die Gender Studies eine Teildisziplin der Altertumswissenschaft. Es gibt seit 2002 die Buchreihe IPHIS, die sich mit der Geschlechtergeschichte auseinandersetzt und seit 2011 die Zeitschrift Eugesta von dem European network on Gender Studies in Antiquity, in der Artikel zu den Gender Studies veröffentlicht werden. Es werden Sexualität, Geschlecht und Macht sowie Ungleichheit fördernde Konstrukte erforscht. Gleichzeitig bieten die Gender Studies die Möglichkeit, Thesen zu reflektieren, die auf identitätspolitische Standorte der Interpretierenden zurückzuführen sind.
Gender Studies im Lateinunterricht
Die Kategorie gender kann grundsätzlich stets mitgedacht werden, dennoch gibt es einige Texte, die sich besonders für eine Analyse eigenen:
Ovids Heroides
Besonders interessant für die Gender Studies sind die Heroides von Ovid. Es sind fiktive Briefe von Frauen, die man meist aus den griechischen Mythen kennt. Sie schreiben Briefe an abwesende Männer, die sie für Abenteuer oder andere Frauen verlassen haben. So schreibt beispielsweise Penelope an Odysseus, der sich auf seiner Irrfahrt befindet (Ov. Epist. 1). Bemerkenswert ist der Perspektivwechsel, der durch die Heroides vorgenommen wird: Mythen, die man aus männlicher Perspektive erzählt kennt, werden in den Heroides aus Sicht der Frauen geschildert. Das Versmaß ist das elegische Distichon. Dadurch wird ein Bezug zu der römischen Liebeselegie aufgebaut, die ebenfalls von einer überwiegend männlichen Perspektive geprägt ist. Folgende Fragen könnt ihr hierzu mit eurer Klasse diskutieren:
- Inwiefern inszenieren sich die Frauen selbst durch ihre Schriftstellerei, wie positionieren sie sich zu den adressierten Männern?
- Inwiefern werden topoi der Liebeselegie gebraucht, an welchen Stellen wird mit ihnen gebrochen. Welcher Effekt ergibt sich daraus?
Sappho und Catull
Eine besondere Art der Auseinandersetzung mit griechischen Vorbildern bietet Catulls carmen 51, eine Bearbeitung von Sapphos Fragment 31. Sapphos Ode schildert ihre Reaktion bei der Beobachtung eines innigen Gesprächs zwischen einem Mann und einer von ihr geliebten Frau. Catulls carmen ist jedoch keine reine Übersetzung. Catull schließt mit einer selbstanalytischen vierten Strophe, die sein Leiden in eine politische Dimension verschiebt, während Sappho ihr Empfinden unter Kontrolle bringt. Hier sind einige Aspekte, die ihr in einer Diskussion mit euren Lernenden aufgreifen könnt:
- Wie geht Catull in seiner Bearbeitung mit Sapphos Ode um, welche Elemente verändert er, was behält er bei?
- Wie charakterisiert sich Catull als Liebender, wie charakterisiert sich Sappho? Inwiefern lässt dies auf ihre Situationen als Liebende schließen und die gesellschaftlichen Erwartungen, die an sie gestellt werden?
Es lohnt sich stets, einen neuen Blickwinkel gegenüber bekannten Texten einzunehmen und Lernende zu ermutigen, sich auf neue und spannende Weise mit ihrer Lektüre auseinanderzusetzen.
Literatur
Lefèvre, Eckard (1988) Otium und tolman. Catulls Sappho-Gedicht c.51, In: Rheinisches Museum für Philologie N.F. 131, 324- 337.
Meister, Jan B./Ruprecht, Seraina (2023) Weiblichkeit, Macht, Männlichkeit und die Antike – Konzepte, Debatten und Perspektiven einer Geschlechtergeschichte der Antike, In: Meister, Jan B./Ruprecht, Seraina (Hrsgg.) Weiblichkeit – Macht – Männlichkeit. Perspektiven für eine Geschlechtergeschichte der Antike, Frankfurt/New York: Campus Verlag, 9-39.
Nieberle, Sigrid (2013): Gender Studies und Literatur. Eine Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Plotke, Seraina (2020) Gender Studies in den Altertumswissenschaften. de mulieribus claris: gebildete Frauen – bedeutende Frauen – vergessene Frauen, Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier.
Stähli, Adrian (2023) Gender Studies in den Altertumswissenschaften – quo vadis?: Oder: was haben die Altertumswissenschaften zu dem Forschungsgebiet beigetragen, das Gegenstand der Gender Studies ist? In: Meister, Jan B./Ruprecht, Seraina (Hrsgg.) Weiblichkeit – Macht – Männlichkeit. Perspektiven für eine Geschlechtergeschichte der Antike, Frankfurt/New York: Campus Verlag, 43-78.
Westerhold, Jessica A. (2023) Ovid´s tragic heroines. Gender abjection and generic code-switching, Ithaca/London: Cornell University Press.








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