Kindheit, Jugend, Bildung
Hans Carl von Carlowitz wird am 14. Dezember 1645 auf Schloss Rabenstein westlich von Chemnitz geboren und überlebt in einer Zeit, die maßgeblich von den Schrecknissen des Dreißigjährige Kriegs geprägt ist. Als Kind und Jugendlicher kennt er bereits die raue Arbeitswelt der Flößer und Köhler. Dennoch erschließt er sich auch den geistigen Kosmos seiner Epoche, indem er 1664 an der Universität Jena zwei Semester Jura studiert und schließlich zu einer fünfjährigen Bildungsreise quer durch Europa aufbricht. Diese europäische ‚Grand Tour‘ sollte seinen Horizont, wie damals beim Adel üblich, erheblich erweitern. Hans Carl von Carlowitz erlebt am Großen Brand von London sowie am ressourcenverschlingenden Flottenbauwesens Frankreichs und Venedigs, dass die Wirtschaftsleistung seiner Zeit weitgehend auf Holz basiert. Im Angesicht dieses immer knapper werdenden Rohstoffes beginnen Verwaltungsbeamte zu erkennen, dass Wälder inventarisiert und der Holzeinschlag reduziert werden muss.
Holz als Zentralressource des 17. und 18. Jahrhunderts
1677 wird von Carlowitz Vize-Berghauptmann in Freiberg (Sachsen). Als Zweiter Beamter ist er für das gesamte Bergbau- und Hüttenwesen zuständig. Hans Carl von Carlowitz wird in dieser Funktion schnell mit der Lösung einer drängenden Problematik beauftragt: die dauerhafte Versorgung des Bergwerkwesens mit Holz. Dieser Rohstoff war damals auch die Schlüssel-Ressource im Bergbau. Holz wurde nicht nur für die Schalungsverzimmerung der Schächte und Stollen genutzt, auch die Öfen der Schmelzhütten und Hammerwerken wurden mit Holzkohle betrieben. Die Umgebungsgebiete aller Bergwerkstätten waren deshalb durch jahrhundertelange Übernutzung weitgehend entwaldet. Auch die wenig isolierten Wohnstätten der Menschen wurden damals mit Holz beheizt. Im Kontext der Kleinen Eiszeit (1645-1715), die sich insbesondere durch sehr strenge Winter auszeichnete, wurden Wälder zur überlebensnotwenigen Ressourcen. Dieser übersteigerte Bedarf an Brenn- und Arbeitsmaterial ließ die Holzpreise in die Höhe schnellen, die verlässliche Rohstoffversorgung aus dem Waldbau wurde zum zentralen Problem des 17. und 18. Jahrhunderts.
Das Buch zur Nachhaltigkeit
1711 steigt Hans Carl von Carlowitz zum Oberberghauptmann des Erzgebirges auf. Zwei Jahre später veröffentlicht er sein Werk, die Sylvicultura oeconomica (wörtlich: haushälterischer Waldbau). Hans Carl von Carlowitz greift darin auch auf die Erfahrungen während seiner europäischen Bildungsreise zurück: Er konzipiert Strategien zur Überwindung des Holzmangels, die darin münden, dass man mit Holz in der Sprache seiner Zeit „pfleglich“ umgehe. Dennoch scheint der ‚pflegliche‘ Umgang mit der Zentralressource seiner Zeit dem Autor Carlowitz nicht mehr auszureichen, um die Holzkrise zu überwinden. Carlowitz fordert den Waldbau solchermaßen zu strukturieren, dass die Nutzung kontinuierlich, beständig und nachhaltig sei. Der Autor plädiert für ein ganzes Bündel an Maßnahmen, wie die Zentralressource Holz geschont werden könne. Neben der Wärmedämmung beim Hausbau, der Verwendung energiesparender Ofensysteme sowie der systematischen Aufforstung ist es nach Hans Carl von Carlowitz allerdings der „nachhaltende“ Umgang mit der forstwirtschaftlichen Zentralressource, die er in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt: Die Regenerationsfähigkeit des Waldes bestimmt die Menge Holz, die entnommen werden darf. Dieses Prinzip hat sich bis heute im Waldbau durchgesetzt. Hans Carl von Carlowitz starb am 3. März 1714 in Freiberg. Sein Buch Sylvicultura oeconomica avancierte nach seinem Tode zur Pflichtlektüre im Fortwesen.
Carlowitz‘ Denken heute
Am Ende dieses Blogbeitrages lässt sich die Frage stelle, was Hans Carl von Carlowitz über unseren heutigen Umgang mit der Natur und ihren begrenzten Ressourcen sagen würde. Vermutlich hätte er sich längst zum umfassenden Einfluss des Menschen auf den Planeten Erde, den wir in unserer Gegenwart gerade als Anthropozän kennen lernen, geäußert. Vielleicht wäre ihm auch klar geworden, dass Nachhaltigkeit bislang zu anthropozentrisch gedacht wird. Wenn wir die Grundprobleme unserer Zeit ernstnehmen, müsse Nachhaltigkeit durch Resilienz und Bewohnbarkeit ersetzt werden, so der Historiker Dipesh Chakrabarty. Bewohnbarkeit geht weit über das etablierte anthropozentrische Nachhaltigkeitsdenken hinaus und bezieht auch andere (nicht menschliche) Lebewesen mit ein. Für den deutschen Wirtschaftsforst würde eine neue Art des Nachhaltigkeitsdenkens bedeuten, Wald als ganzheitliches Ökosystem zu verstehen, das in Teilen dem menschlichen Eingreifen entzogen werden müsste, um resilient gegenüber den künftigen (Klima-) Herausforderungen werden zu können. Hans Carl von Carlowitz hätte sich in diesen Diskurs sicherlich eingemischt.
Literatur
Chakrabarty, Dipesh (2023): Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter, Bonn
Grober, Ulrich (2010): Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, München
Grober, Ulrich (2013): Von Freiberg nach Rio – Carlowitz und die Bildung des Begriffs ‚Nachhaltigkeit‘, in: Sächsische Carlowitz-Gesellschaft (Hrsg.): Die Erfindung der Nachhaltigkeit. Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz, München, S. 13-30.
Hirata, Johannes (2022): Nachhaltige Entwicklung als normatives Prinzip mit einer globalen Dimension, in: Hemkes, Barbara et al. (Hrsg.): Handbuch Nachhaltigkeit in der Berufsbildung. Politische Bildung als Gestaltungsaufgabe, Frankfurt a. M., S. 45-57.
Horn, Eva (2017): Jenseits der Kindeskinder. Nachhaltigkeit im Anthropozän, in: Merkur 814, S. 5-17.
Köpf, Ulrich (2013): Von der forstlichen Nachhaltigkeit zur Nachhaltigen Entwicklung, in: Sächsische Carlowitz-Gesellschaft (Hrsg.): Die Erfindung der Nachhaltigkeit. Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz, München, S. 41-59.
Wohlleben, Peter (2021): Der lange Atem der Bäume, München








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